Spezialinterview Industrie: J. N. Schneider-Ammann

Johann N. Schneider-Ammann, geboren 1952 in Sumiswald BE, gehört zu den herausragendsten Unternehmern in der Schweizer Maschinenindustrie. Der studierte ETH-Elektrotechniker und MBA-Absolvent des INSEAD in Fontainebleau ist Verwaltungsrat vieler bedeutender Unternehmen in der Schweiz und seit 1990 Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates der Ammann Group Holding AG mit Sitz in Langenthal BE, die weltweit über 3’400 Personen beschäftigt. Als Präsident des Verbandes der Schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) kämpft er seit über 10 Jahren für den Werkplatz Schweiz. Johann N. Schneider-Ammann ist ebenfalls Nationalrat, ein Mandat, das er seit 1999 ausübt. Im Gespräch mit Christian Dueblin spricht Johann N. Schneider-Ammann über die vierteljährlichen „Züpfe Zmorge“ der Firma Ammann, Entwicklungen der Maschinenindustrie in der Schweiz sowie die Wirtschaftskrise und zeigt auf, was der Stellenwert der Exportindustrie in der Schweiz ist. Sie sehen das Züpfe Zmorge somit als kulturellen und wirtschaftlichen Beitrag eines Unternehmens zur Horizonterweiterung.
Das darf man durchaus so sehen. Ich glaube, es ist uns in den letzten Jahren gelungen, verschiedenste Themen aus der Wirtschaft aber auch aus der Kultur etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Referenten sind stets sorgfältig ausgewählt und verfügen über grosses Fachwissen. Die Veranstaltung der Züpfe Zmorge ist ein Engagement, um das ganzheitliche Denken zu fördern und Menschen aus verschiedensten Gesellschaftsschichten und Berufssparten zusammenzubringen. Das Wort „Züpfe“, oder auf gut Deutsch „Zopf“, hat eine symbolische Bedeutung. Es ist eine Metapher dafür, verschiedene Stränge unserer Gesellschaft zusammenzubringen. Diese Stränge sind die Wirtschaft, die Kultur, die Politik und die Gesellschaft. Das Zusammenführen der Stränge an den Frühstücksanlässen soll durch den Zopf symbolisiert werden. Nach diesen Strängen wählen wir auch die Referenten aus.
Die schweizerische Maschinenindustrie verlor in der Schweiz in den Neunzigerjahren an Bedeutung sowie Einfluss und musste in der Folge lange Jahre und hart für den Werkplatz kämpfen, an den niemand mehr richtig glauben wollte. Im Jahr 2007 feierte die Maschinenindustrie ihr wohl erfolgreichstes Jahr in den letzten Jahrzehnten. Wie erklären Sie sich als Chef einer grossen Maschinenindustrie, als Präsident des Dachverbandes der Schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, der Swissmem, und als Politiker diese wirtschaftlich positive Entwicklung?
Wir müssen, um diese Frage beantworten zu können, einen kurzen Blick zurück auf die Öffnung der Märkte im Osten werfen. 1989, vor allem mit dem Mauerfall in der ehemaligen DDR, öffneten sich die Oststaaten gegenüber dem Westen, auch marktwirtschaftlich. Der eiserne Vorhang fiel und plötzlich ging wirtschaftlich eine neue Welt auf, mit allen Vor- und Nachteilen. Wir standen auch in der Schweiz vor neuen, bisher teilweise wenig bekannten Märkten und mussten unsere Strategien überdenken, denn über Nacht bekamen die Kosten auf dem Werkplatze Schweiz, aber auch ganz generell in Mitteleuropa, eine ganz andere Bedeutung. Das war anfänglich sehr problematisch, denn unsere hohen Produktions- und Entwicklungskosten kollidierten mit den Zahlungsmöglichkeiten dieser Ostländer und stellten vor allem die Maschinenindustrie vor grosse Herausforderungen. Die Kosten mussten schnell gesenkt werden, um in diese Märkte eindringen zu können. Die internationale Konkurrenzfähigkeit musste erhalten bleiben oder verbessert werden. Die einen machten das, indem sie die Wertschöpfungskette verlängerten, andere haben sie konzentriert oder ausgelagert, um Kostenreduktionen herbeizuführen. Die komplizierte Technik und die anspruchvollen Tätigkeiten, die mit viel Know-how verbunden waren, blieben in der Regel in der Schweiz. Die einfacheren Arbeiten und Prozesse wurden in den Osten verlagert, wo die Löhne noch sehr tief waren. Die Maschinenindustrie hat in dieser Zeit hart ums Überleben gekämpft. Ein grosses Problem lag darin, dass junge Ingenieure nur noch erschwert für unseren Wirtschaftszweig gewonnen werden konnten. Viele junge und fähige Menschen wollten ihre Karriere lieber in einer Bank oder einer Versicherung machen, die viel höhere Löhne und Boni bezahlen konnten als wir in der Maschinenindustrie. Das hat mich damals sehr beschäftigt und mich politisch gefordert. Ich sah, dass diese Tendenzen für unsere Wirtschaft nachteilig waren und die Gefahr bestand, in einer Sackgasse zu landen, aus der es kein Zurück mehr gegeben hätte. Der Branchenverband Swissmem musste deshalb ab Mitte der Neunzigerjahre seine Strategie ernsthaft überdenken. Mit grossem Einsatz haben wir es geschafft, die Solidarität innerhalb der Maschinenindustrie zu stärken. Das hat wesentlich zum von Ihnen erwähnten Erfolg in der Maschinenindustrie und deren Akzeptanz in der Bevölkerung und in der Politik beigetragen. Die Plattform Swissmem konnte somit unter dem Druck der Not „zusammengeschweisst“ werden. Das hat dazu geführt, dass der Industriestandort Schweiz, wie wir ihn heute haben, erhalten werden konnte. Das ist nicht selbstverständlich, denn andere Länder wie beispielsweise England haben das nicht geschafft. In den letzten drei bis vier Jahren konnten wir rund 50'000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Ich gebe gerne zu, dass wir in der Maschinenindustrie mit der Finanzblase mitgewachsen sind. Plötzlich war sehr viel Geld zur Verfügung, von dem auch wir profitiert haben. Auf dem Höchstpunkt angelangt, stehen wir heute vor grossen Herausforderungen, die wir bewältigen müssen. Heute sind wir auf einem sehr hohen Niveau und müssen wohl oder übel wieder zurück in die Normalität.
Gerade aus der Maschinenindustrie höre ich in Bezug auf die derzeitige Wirtschaftskrise sehr viel Unverständnis über das Verhalten der Banken. Viele Unternehmer, denen immer klar war, dass Geld nur dann verdient werden kann, wenn man die Risiken im Griff hat, etwas produziert und eine gute kundenorientierte Leistung erbringt, sind über die Handlungen von Banken und Versicherungen während der letzten Jahre erzürnt. Sie sind nicht nur Vertreter der Maschinenindustrie sondern auch Politiker. Was sagen Sie diesen Menschen als Politiker und Unternehmer?
Wir haben gesehen, dass die Konjunktur nicht einfach so weitergeht und wächst, wie das vielleicht einige Menschen fälschlicherweise angenommen haben. Die Maschinenindustrie hat über die Swissmem immer wieder Korrekturen am System verlangt. Es nützt uns aber heute nichts, wenn wir die Faust im Sack machen oder uns zu sehr überlegen, was man noch alles hätte machen müssen. Die Situation ist sehr kompliziert und wir stehen vor einer grossen Herausforderung, die wir alle gemeinsam – und damit meine ich die Industrie und der Dienstleistungssektor zusammen – angehen müssen. Darum denke ich, ist es nicht damit getan, mit dem Finger auf einzelne Unternehmen oder Menschen zu zeigen. Was passiert ist, ist gesellschaftspolitisch und volkswirtschaftlich gesehen zweifelsohne eine Katastrophe. Wir werden die Auswirkungen dieser Katastrophe nur mit vereinten Kräften bewältigen können. Die Finanzbranche ist auch der Sauerstoff der Industrie. Ohne sie geht auch bei uns nichts. Das wissen die Vertreter der Maschinenindustrie. Je sicherer und intakter der Finanzsektor ist, desto besser geht es auch uns. Wir sind natürlich enttäuscht und auch ernüchtert, über alles, was passiert ist. Wir sind Unternehmer und es gewohnt, Eigeninitiative an den Tag zu legen und eigenverantwortlich zu handeln. Um Besserung zu erreichen, müssen wir die Freiheit des Marktes wieder in ein Gleichgewicht mit der Verantwortung bringen, die wir als Unternehmer haben. Diese Balance zu finden, wird uns einige Zeit fordern.
Sie sind mit viel Herzblut Chef der Swissmem und haben im Jahr 2006 angedroht, aus dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse auszutreten. Die Swissmem war mit der allzu liberalen Haltung des Wirtschaftsdachverbandes nicht einverstanden und forderte Korrekturen. Waren das schon Anzeichen dafür, dass man in der Maschinenindustrie der wirtschaftlichen Entwicklung generell eher skeptisch gegenüberstand?
Es sind im Wesentlichen zwei Gründe, die im Jahr 2006 zu dieser Diskussion geführt hatten. Der eine Grund war ein technischer. Unsere Mitgliedfirmen waren der Meinung, dass der Vorstand des Branchenverbandes einen guten Job mache. Sie wollten aber mit weniger Mitteln noch mehr erreichen. Unsere Mitgliederbeiträge kamen unter Druck und uns blieb nichts anderes übrig, als die Transferleistungen an die Economiesuisse in Frage zu stellen. Dann gab es einen zweiten, mehr politischen Grund. Die Maschinenindustrie wurde nicht so ernst genommen, wie wir das wünschten und in Anbetracht des grossen Beitrages an die Gesamtwirtschaft hätten erwarten dürfen. Immerhin beschäftigt die Maschinenindustrie in der Schweiz über 350'000 Personen. Wir wollten mit der Drohung, aus der Economiesuisse auszutreten, die Machtverhältnisse wieder etwas ins richtige Lot bringen und das Verständnis für uns wecken. Wir haben das aber nicht in erster Linie mit Forderungen gemacht, sondern haben Vorschläge aufgezeigt, wie wir in der Wirtschaft korrigierend eingreifen müssen, um konkurrenzfähig bleiben zu können.
Schon im Jahr 2005 war für viele Menschen klar, dass etwas schief laufen könnte. Nur wenige Menschen aber haben ihre Meinung offen kundgetan. Worauf führen Sie dieses Verhalten zurück?
Ich habe das Privileg, dass ich vom Denken, wie auch vom Materiellen her gesehen unabhängig bin. Mit diesen Privilegien gehen aber auch Verpflichtungen einher, denen jeder gerecht werden sollte, welcher diese Privilegien geniesst. Viele Menschen haben gesehen, dass es nicht immer so weitergehen konnte. Sie waren aber nicht alle unabhängig genug, um aus diesem „Netz“ herauszukommen. Es gab zu viele Abhängigkeitsverhältnisse, die es oft verunmöglichten, seine wirkliche Meinung an den Tag zu legen. Die wenigen Menschen, die gewarnt hatten, sah man dann oft nur als Rufer in der Wüste und sogar als Spielverderber.
Es sind Massnahmen zur Bekämpfung der Krise in der Politik getroffen worden. Wie fähig ist die Politik jedoch, die richtigen Massnahmen ergreifen zu können, die nachhaltig sind und auch nützen? Ich frage Sie das, weil Sie nicht nur Unternehmer, sondern auch selber Politiker sind und möglicherweise die wirtschaftlichen Zusammenhänge besser einschätzen können als andere Personen im Nationalrat, die den Markt vielleicht weniger gut kennen.
Ich bin absolut überzeugt, dass unser direktdemokratisches und liberales Wirtschaftssystem das beste System ist, das es zurzeit gibt. Ich sehe kein besseres System, das Bestand haben könnte. Eine grosse Anzahl Menschen in der Politik bringen ihre Erfahrungen aus ihrem Beruf oder ihrem Unternehmen mit. Damit will ich sagen, dass es nur wenige Menschen in der Politik gibt, mit denen ich zu tun habe, die sich auf einem abgehobenen und weltfremden Niveau befinden. Ich glaube, dass die meisten Politikerinnen und Politiker in den letzten Monaten verstanden haben, dass wir alle zusammen eine gemeinsame Lösung finden müssen. Mein Einfluss hält sich dabei in Grenzen. Ich kann aber auf Probleme aufmerksam machen und andere Parlamentarier und Entscheidträger sensibilisieren, indem ich meine Erfahrungen aus der Industrie einbringe. Ganz offen gesagt ist das der Grund, der mich nach vielen Jahren in der Politik motiviert und mich am politischen Leben hält. Wenn heute ein Beschluss gefasst werden soll, kann ich darauf aufmerksam machen, welches die Konsequenzen im Guten wie im Schlechten sein könnten. Kann man diese Bedenken zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort einbringen, dann findet man Gehör. Das Parlament ist also nicht ganz so statisch, wie man vielleicht meinen könnte. Ich stelle fest, dass in solchen Momenten irgendwelche dogmatischen Wege nach Links oder nach Rechts verhindert werden konnten.
Mittlerweile ist ein zweites Konjunkturpaket verabschiedet worden. Wie beurteilen Sie dieses aus Sicht der Industrie?
Im zweiten Paket, das zur Konjunkturförderung geschnürt worden ist, haben wir im Wesentlichen drei Elemente, die für die Exportwirtschaft sehr wichtig sind. Es sollen erstens 30 Mio. Franken mehr in die Innovationsförderung fliessen. Die Förderagentur für Innovation des Bundes (KTI) soll diese Gelder zur Verfügung gestellt bekommen, um technische Innovationen fördern zu können. Das ist sicher eine sehr vernünftige Idee und wird sich für die Industrie positiv auswirken. Zweitens geht es um die Exportrisikoversicherung. Sie soll breiter angewendet werden können und soll helfen, besser in Märkte eindringen zu können. Wir versprechen uns, damit Arbeitsplätze retten zu können. Auch diese Massnahme ist meines Erachtens sinnvoll. Eine dritte Massnahme besteht in der Verlängerung der Kurzarbeitszeit von 12 auf 18 Monate. Dahinter steckt die Hoffnung, dass nach 19 Monaten die Konjunktur anzieht und jetzt Arbeitsplätze nicht allzu voreilig abgebaut werden.
Gerade die Kurzarbeitszeit ist aber auch kritisiert worden, weil man sie in dieser nichtabsehbaren Krise für wenig sinnvoll hält.
Kurzarbeit wird dann eingeführt, wenn man das Ende der Schwächeperiode sieht. Es ist eine volkswirtschafts-, betriebswirtschafts- und branchenspezifische Angelegenheit. Wenn man das Ende der Krise nicht sieht, dann sollte man die Kurzarbeitszeit tatsächlich nicht forcieren. Sie würde dann ins Leere laufen. Die Situation ist zurzeit aber tatsächlich sehr komplex. Wir stehen vor einer Krise, in der niemand wirklich weiss, wie sie sich entwickeln wird und wie lange sie dauern wird. Die Kurzarbeitszeit ist eine Massnahme, die hilft, Zeit zu gewinnen.
Eine weitere Massnahme bestand darin, ein Unternehmen, die UBS, mit einem Milliardenbeitrag zu stützen. Es handelt sich um riesige Summen, die sich bis auf die nächste und übernächste Generation erschwerend auswirken könnten.
Herr Schneider-Ammann, was wünschen Sie der Schweiz als Schweizer Bürger, Politiker und Unternehmer für die Zukunft?
Für mich ist die Schweiz eine über hunderte von Jahren und Generationen hinweg erkämpfte Solidargemeinschaft. Dieser Prozess hat eine offene und leistungsfähige Gesellschaft und innovative Kultur hervorgebracht, auf die wir stolz sein dürfen und die wir weiterhin pflegen müssen. Die Schweiz ist auch eine eigenverantwortliche und innovative Gesellschaft. Wir geniessen hohen Wohlstand und Sicherheit und haben uns auf der Welt immer wieder positiv einbringen können. Ich wünsche der Schweiz, dass sie ihr Ansehen und ihre Glaubwürdigkeit auf der Welt weiterhin verteidigt und auch weiterentwickelt. Dafür muss man immer wieder kämpfen und gerade jetzt Hausaufgaben machen und ein paar Missstände ausräumen.
Sehr geehrter Herr Schneider-Ammann, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen, Ihrem Unternehmen und der Politik weiterhin viel Erfolg!
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Links
- Der Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie - SwissMEM
- Ammann Gruppe
- Homepage von Johann N. Schneider-Ammann
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