Dr. h.c. Beat Kappeler_Xecutives.net-Interview_2025
Dr. h.c. Beat Kappeler, im Xecutives.net-Interview

Dr. h.c. Beat Kappeler, geboren 1946, studierte Weltwirtschaft und Völkerrecht in Genf und Ökonomie in Westberlin. Von 1977 bis 1992 war er geschäftsführender Sekretär des Gewerkschaftsbundes und von 1996 bis 2000 als a. o. Professor für Sozialpolitik am Institut de Hautes Études en Administration Publique (IDHEAP) in Lausanne tätig. Zeitungsleserinnen und -lesern sowie Medieninteressierten ist Beat Kappeler als kritischer Autor, Publizist und Kommentator gesellschaftlicher und ökonomischer Themen in der NZZ am Sonntag und dem Schweizer Fernsehen (beispielsweise als Gast in der „Arena“) bekannt. 1999 verlieh ihm die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Basel die Würde eines Doktors der Staatswissenschaften ehrenhalber (Dr. h.c.) – insbesondere für seine Beiträge zu aktuellen wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen.
Im Gespräch mit Xecutives.net beantwortet Dr. h.c. Beat Kappeler Fragen in Bezug auf die Schweiz und ihre jüngsten wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen. Er zeigt auf, was passiert, wenn zu viele Menschen, denen es allen noch gut geht, die technische Zivilisation verkennen und negieren. Dr. h.c. Beat Kappeler führt Beispiele auf, die zeigen, was eine allzu grosse Überregulation für das Gedeihen der Wirtschaft an Negativem mit sich bringt, bspw. Alphütten in denen seit Hunderten von Jahren Käse produziert wird, die aufgrund von EU-Regelungen 1995 in grossen Höhen in den Alpen feste Böden einbauen mussten. Er beschreibt die Angst der Politik, dieser Regelungswut entgegenzutreten, aus Angst, irgendein Risiko nicht mit einer neuen Regelung angegangen zu sein und damit abgestraft zu werden.

Xecutives.net: Sie waren im Jahr 2011 bereits Interviewpartner von Xecutives.net und hatten damals Auskunft gegeben zu den Vorkommnissen rund um die Finanzkrise. Seither sind rund 15 Jahre vergangen und es hat sich, nebst der damaligen Finanzkrise und ihren weltweiten Auswirkungen auf die Wirtschaft und Politik viel ereignet. Es kam zu Problemen mit Griechenland, ein Land, das unter grosser Schuldenlast litt, dann kam der Einmarsch der Russen in der Krim, die erste Amtszeit von Trump in den USA, die Corona-Krise und schliesslich der Ukraine Krieg, jetzt die zweite Amtszeit von Trump, welche die Schweiz mit hohen Zöllen zu spüren bekam. Was stellen Sie fest, wenn Sie zurückschauen?

Titelbild des Buches von Dr.h.c.Beat Kappeler: Geld in falschen Händen - überschuldete Staaten, haltlose Notenbanken schrauben am Geldwert
“Geld in falschen Händen – überschuldete Staaten, haltlose Notenbanken schrauben am Geldwert”, Buch von Dr. h.c. Beat Kappeler

Dr. h.c. Beat Kappeler: Die Finanzkrise ist bewältigt worden, wenn man dem so sagen darf, durch die zwei grossen Notenbanken, dem Fed und der EZB, mit Hilfe einer enormen Geldschöpfung, die immer noch besteht, Geld, das immer noch im Umlauf ist und das alle Finanzwerte in die Höhe getrieben hat. Die Immobilienwerte gingen auch nach oben. Ebenso hat die schweizerische Nationalbank unglaublich viele Euro- und Dollar-Wertschriften aufgekauft. Das hatte eine enorme Aufblähung der Bilanz zur Folge, was wiederum zur Folge hatte, dass die «Geldflüssigkeit» enorm angestiegen ist und die Zinsen praktisch immer noch auf 0 sind. Damit ist die Nationalbank hauptverantwortlich für einen gigantischen Immobilienboom, aber auch für eine grosse Zuwanderung.

Wir sind heute zwar eine glückliche Nation, in der vieles rund läuft, die Zinsen sehr tief sind und die meisten Vermögenswerte «durchs Dach» gehen. Das ist ökonomisch gesehen unsere Situation. Nun sehen wir aber, dass es in Bezug auf die Zuwanderung zu Unzufriedenheit im Volk kommt. In der Politik ist das, ausser bei einer Partei in der Schweiz, noch nicht der Fall. Es ist nicht auszuschliessen, dass auch die Zuwanderung früher oder später zu Problemen führen wird. Das gilt auch für den Immobilienmarkt. Zudem riskieren wir in Europa in eine «cultural erasure», wie das die Amerikaner nennen, in eine kulturelle (Selbst)Auslöschung reinzuschlittern.

Xecutives.net: Was ist mit «cultural erasure» in Europa genau gemeint?

Dr. h.c. Beat Kappeler: Es geht darum, dass althergebrachte Werte und Anschauungen verloren gehen. Dazu tragen die Woke-Tendenzen in den Schulen und Medien bei. Familienwerte, Persönlichkeitsmerkmale werden von linken und grünen Parteien aufgrund dieser Tendenzen aufgelöst. Das gefährdet unter anderem die AHV und unsere Sozialpolitik. Diese werden leichtfertig durch Kindermangel und Überdehnung aufs Spiel gesetzt und das spüren die Menschen.

Xecutives.net: Viele Menschen sehen heute ein, dass gewisse Ideen, die sicher anfänglich auch in Ordnung waren und gut angedacht waren, heute ausufern, was nun auch zu Gegenbewegungen führt, was man in Deutschland und der AfD sehr gut erkennen kann. Offenbar hat man den Menschen zu viel «Woke» und «Gender» zugemutet, zeitgleich stehen viele Länder vor grossen wirtschaftlichen Problemen.

Dr. h.c. Beat Kappeler: Dafür brauchen wir keinen wissenschaftlichen Fiebermeter. Wenn man sich umhört und mit den Leuten spricht, so erkennt man, dass bspw. Fragen der Zuwanderung oder der Geschlechteridentität in Schulen nun auch in den Familien als Themen angekommen sind und nicht jeder nur glücklich über diese Entwicklungen ist. Es ist die Folge von dem, was Rousseau und Montaigne angedacht hatten. Es geht um die Kritik an der eigenen Gesellschaft und der eigenen Zivilisation. Ich meine damit auch die «technische» Zivilisation. Es bestand schon damals die Meinung, dass unsere Zivilisation schlechter sei, als diejenige von scheinbar unberührten Völkern. Man hat diese unberührten Völker als Gemeinschaften beschrieben, in denen es keinen Egoismus, keine Gewalt gab, die freizügig sind. Dieses Gedankengut finden wir auch heute noch bei linken und grünen Parteien auch in der Schweiz. Der edle Wilde ist gemäss dieser Auffassung besser als die westliche Zivilisation, die man in vielerlei Hinsicht verdammt. Das erklärt auch eine überbordende Willkommenskultur, die viele Menschen auch in der Schweiz anwenden wollen. Fallen diese Einwanderer aus dem Idealbild heraus durch Kriminalität, oder durch andere familiäre, kulturelle Haltungen, darf das nicht erwähnt, und schon gar nicht kritisiert werden. Deutschland hat das in den letzten Jahren gezeigt und wir sehen nun, vor welchen Problemen Deutschland jetzt steht. Das hat dazu geführt, dass bei vielen Menschen Minderheiten, und ich spreche nicht nur von der Herkunft von Menschen, sondern auch über Minderheiten hier bei uns, Minderheiten aufgrund des Geschlechts oder gewisser Ansichten, als besser betrachtet werden als der «Normalbürger». Ich nenne diese Normalbürger mal «Stinos», das sind die stinknormalen Leute. Diese Tendenz kann bis hin zur Auflösung einer Gesellschaft führen. Ich finde, dass Trump und Vance beileibe nicht überall Recht haben. Mit ihrer Kritik an Europa haben sie aber sicher den Finger auf einen wunden Punkt gelegt, über den wir uns Gedanken machen sollten.

Xecutives.net: Rousseau hatte auch in der Schweiz gelebt und die Schweiz romantisiert wahrgenommen. Wir waren wohl damals dieser Ort der wilden Menschen, die keinen Egoismus kannten.

Dr. h.c. Beat Kappeler: Rousseau fand wie viele andere, auch Goethe, das Urtümliche in der Schweiz. Das war auch bei Lord Byron so. Diese Menschen hatten den industriellen Fortschritt damals in der Schweiz nicht wahrgenommen. Schon damals gab es in der Schweiz Industrie, wenn man so will «Proto-Industrie». Goethe war mehrere Male in der Schweiz und hat Mustergutshöfe angeschaut. Er war zwei Mal beim Zürcher Jakob Gujer, genannt Kleinjogg, nicht aber bei der Seidenindustrie, die schon damals existierte. Dieses romantische Bild der Schweiz und auch die direkte Demokratie der Landkantone haben viele bekannte Menschen damals aufgenommen und gepflegt. Ich möchte damit nur zeigen, dass es schon damals eine gewisse Feindlichkeit gegenüber der damaligen europäischen Zivilisation gab, einen Rückschritt in der Aufklärung. Rousseau und Montaigne hatten grosse Bewunderung für die ersten Schwarzen und Indianer in Europa ausgedrückt. Damit hatten sie die Höherstufung anderer Völker und Menschen in Europa eingeführt.

Xecutives.net: Viele Gesprächs- und Interviewpartner haben darauf aufmerksam gemacht, dass es uns heute an unternehmerischem Wissen fehlt und viele Menschen nicht mehr bereit sind, Risiken einzugehen. Man möchte lieber für den Staat arbeiten und eine Lebensstelle antreten, als etwas zu wagen oder zu riskieren. Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Riesenhuber hat von Umfrageresultaten gesprochen, die das sehr deutlich zeigen. Eine Umfrage oder Erhebung an Universitäten in Deutschland, hatte gezeigt, dass eine Mehrheit der Studenten und Studentinnen eine Staatsstelle anpeilen und fast niemand ein eigenes Unternehmen gründen möchte, ganz im Gegensatz zu den USA, wo das genau umgekehrt ist.

Dr. h.c. Beat Kappeler: Sie sprechen vom fürsorglichen Staat, der für die Menschen alle Probleme löst und alles richtet und ein Hort der Sicherheit bedeutet. Diese Tendenz, dass viele Studenten und Studentinnen beim Staat arbeiten möchten, hat auch mit der Einstellungspraxis des Staates selber zu tun. Meine Generation hatte immerhin noch auswählen können. Als ich an der Universität in Genf war, sind Abgesandte von grossen Unternehmungen durch die Gänge gestreift und sie haben Studenten angesprochen. Wir Baby-Boomer waren vollkommen verhätschelt und umsorgt. Die Angst, keine Arbeit zu finden, gab es zu dieser Zeit überhaupt nicht. Die heutigen Studentinnen und Studenten sind die Erben dieser Generation und von dieser Haltung. Sie möchten das wohl auch so machen, wie ihre Väter, die irgendwo beim Staat untergekommen sind oder mit Leichtigkeit in der Wirtschaft eine Karriere antreten konnten. Ich selber bin in einem sehr gewerblichen Umfeld aufgewachsen. Mein Vater hatte eine grössere Schreinerei. Ich sah jeden Tag, wie man Geld macht und wie man Geld verlieren konnte. In den Ferien musste ich mithelfen. Am Samstagnachmittag musste ich Möbel liefern und installieren helfen. Unternehmerische Fragen wurden am Esstisch behandelt. Das sind Erfahrungen, die heute junge Menschen kaum mehr machen oder machen können. Mein Vater musste Geld ansparen und wenn eine Maschine ausfiel, sehr schnell Ersatz anschaffen, mit dem Geld, das er Jahre zuvor angespart hatte für diese Situationen. Gewinne waren normal und nötig. Das ist heute vielen Menschen alles gar nicht mehr klar, vor allem auch Menschen aus dem linken Lager. Da erstaunt es auch nicht, dass sie sich selber nicht als Unternehmer sehen oder sehen wollen, sondern eben eine Staatsstelle anpeilen, wo das alles keine grosse Rolle spielt. Ich sage immer wieder, dass die heutigen Universitäten Berufsschulen für Staatsstellen darstellen. Was soll ein Soziologe oder auch ein Psychologe tun, als eine Staatsstelle zu besetzen? In Einzelfällen mag es möglich sein, dass solche Spezialisten private Unternehmen gründen, und in der Beratung tätig werden. Für die meisten Menschen, die diese Fächer besetzen, sind die Weichen aber gestellt und sie führen in Richtung Staatsstelle.

Xecutives.net: Die Schweiz ist in Sachen Firmengründungen noch weit vorne. Es gibt immer wieder interessante Gründungen und tolle Geschäftsmodelle. Die Staatsquote jedoch ist rasant am Wachsen, auch bei uns. Es wird gebaut ohne Ende, oft hat man den Eindruck völlig sinnlos und jederzeit auch mit Überschreitungen eines anfänglich angedachten Budgets.

Dr. h.c. Beat Kappeler: Die Schweiz verzeichnet mehr Neugründungen als die anderen umliegenden Länder. Wir haben weniger verderbliche Schritte zugelegt als im Rest von Europa. Der Staatssektor ist bei uns in der Schweiz auch bedeutend kleiner als in den anderen Ländern. In Oesterreich und Frankreich beträgt der Staatssektor 57% des BIP, also der Wertschöpfung. Das muss man sich vorstellen, 57% des Bruttoinlandprodukts werden vom Staat eingenommen und wieder ausgebeben. Dafür braucht der Staat viele Menschen. Bei uns in der Schweiz beträgt die Staatsquote zurzeit nur 35%. Wir müssen diesem Unterschied in der Schweiz grosse Sorge tragen und schauen, dass die Incentives aus der Privatwirtschaft weiterhin bestehen. Das hängt auch mit dem Steuersystem zusammen. Wenn man ein Steuersystem hat, das einem erfolgreichen Unternehmern alles abschöpft, so wie das die Initiative der Erbschaftssteuer der JUSO wollte, gibt es nur wenig Leute, die solche Wertschöpfung betreiben und akkumulieren wollen. Diese akkumulierten Vermögen entwerten sich auch immer wieder. Anlagen, Patente und Know-how müssen immer wieder erneuert werden. Es herrscht eine weltweite Konkurrenzsituation. Man kann sich nicht einfach ausruhen, sondern muss immer für sein Geschäft kämpfen und es muss stets wieder investiert werden. Nur so können wir die Wertschöpfung auch in der Schweiz weiterhin erhalten. In Deutschland zeigt es sich, dass Werte, die gestern geschaffen wurden, heute gegessen werden, durch hohe Steuern und Umverteilung, und dass damit der verfügbare Pool von freiem Kapital in den Händen von Privaten laufend abnimmt.

Xecutives.net: Dieses Kapital ist aber nötig, um bspw. auch neue Firmen gründen zu können. Sie haben diese Firmenneugründungen auch in der Schweiz beschrieben. Ein grosser Teil dieser Gründungen geht aber auch Ausländer zurück und nicht auf Schweizer.

Dr. h.c. Beat Kappeler: Schauen Sie, Herr Nestlé war ein Deutscher. Herr Boveri war ein Deutscher. Heberleins kamen auch aus Deutschland. Bührle war auch ein Deutscher. Es gab damals sehr viele Menschen, die erst in der Schweiz zum Unternehmer geworden sind. Das bedeutet aber auch, dass schon in der damaligen Schweiz die Bedingungen, ein Unternehmen zu gründen für Unternehmer viel besser waren als in anderen Ländern, und das ist auch heute noch der Fall. Man muss aber auch sehen, dass in der Schweiz in den letzten 100 Jahren die Vermögen nicht verloren gegangen sind. In Deutschland sind die Vermögen zwei Mal verloren gegangen mit den Weltkriegen, in Frankreich sind die Vermögen aufgrund der Inflation verloren gegangen. Frankreich hatte seit Valéry Giscard d’Estaing, seit ca. 1974, nie mehr ein ausgeglichenes Staatsbudget. Ab dann hat der Staat Jahr für Jahr angefangen, sich durch die Wirtschaft durchzufressen und sein Gewicht zu vermehren. Das hat in der Schweiz so nicht stattgefunden. Auch die Vernichtung der Währung hat in diesem Ausmass bei uns nicht stattgefunden. Obwohl man feststellen muss, dass, seit es die Nationalbank gibt, der Schweizerfranken auf einen Zehntel seines realen Wertes gesunken ist. In Italien, Deutschland und Frankreich sind die Währungswerte auf Bruchteile von Prozenten gesunken, was eine ganz andere Dimension darstellt. Der Dollar hat heute hat heute in Gold gerechnet noch weniger als 1% Wert verglichen mit 1971. In Bezug auf den Schweizer Franken sind das immerhin 5%, also fünf Mal mehr. Das sind alles Punkte, die Unternehmertum und Wertschöpfung in der Schweiz begünstigen.

Xecutives.net: Vielen Menschen sind die wirtschaftlichen Zusammenhänge überhaupt nicht klar. Sie könnten kein Geschäft führen, einkaufen, verkaufen und die richtigen finanziellen Massnahmen ergreifen, um ein Unternehmen erfolgreich zu führen. Das gilt auch für die allermeisten Politiker. Worauf ist das zurückzuführen?

Dr. h.c. Beat Kappeler: Ich kann Ihnen anekdotisch aus meiner eigenen Erfahrung berichten. Wenn wir in den Fünfzigerjahren in die Schule gegangen sind in Herisau, da war noch in jedem dritten Haus ein Gewerbe. Das ist zum grösseren Teil verschwunden, aufgrund der ungebremsten Konzentration der Wirtschaft. Das haben auch die sogenannten Liberalen aller Lager mitverschuldet. Es wird in der Wettbewerbs- und Kartellpolitik viel zu wenig Sorge dafür getragen, dass es differenzierte und breitgestreute Wirtschaftsstrukturen gibt. Die Schweizer haben in Bezug auf die Kartellpolitik weitgehend auf die amerikanische Sicht eingeschwenkt. Dort wird vertreten, dass es der Sinn der Wettbewerbs- und Kartellpolitik ist, dass die Konsumenten ein Produkt möglichst günstig kaufen können. Zu meiner Zeit vor 50 Jahren in der Kartellkommission hat man sich noch sehr mit Monopolen und Oligopolen beschäftigt und hat versucht, diese, wann auch immer, möglichst zu verhindern. Heute funktioniert das anders. Geht es um grosse Fusionen fragt man sich nur noch, ob die Preise runtergehen und wenn dem so ist, ist man der Meinung, das sei wunderbar. So werden oligopolitische Marktstrukturen dem tiefen Konsumentenpreis zuliebe gefördert. Die heutigen Wirtschaftsbürger werden von den meisten Wirtschaftspolitikern als «Konsum-Enten» wahrgenommen.

Xecutives.net: Das ist in den USA noch viel gravierender als hier in der Schweiz.

Dr. h.c. Beat Kappeler: Tatsächlich, und das erklärt auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in denen die USA zurzeit steckt. Der Mensch in den USA ist vorwiegend ein Konsument und eben nicht ein Produzent. Das alles erklärt eben auch das Verschwinden dieser vielen kleinen Gewerbe, wie wir sie noch vor 50 Jahren hatten, als ich in Herisau lebte. Darunter leidet die USA enorm und das erklärt auch das sehr grosse Handelsdefizit, unter dem die USA leiden.

Der Zugang zum Unternehmertum hängt nicht nur vom Finden des Kapitals ab. Das Kapital findet man in Ländern wie der Schweiz irgendwann. Es gibt aber regulatorische Hürden, die es zu nehmen gilt und diese sind auch in der Schweiz sehr hoch. Diese Hürden können das Gründen eines Unternehmens viel zu teuer machen. Ständig werden die Vorschriften bezüglich Ausstattung der Arbeitsplätze für die Arbeitenden, alle sozialpolitischen Auflagen, die erfüllt sein wollen, die Sicherheitsvorschriften, die auch eingehalten werden sollen, erhöht. Damit hat der neue Unternehmer schon «upfront» mit riesigen Kosten zu kämpfen und dabei hat er ja noch gar nichts produzieren können. Die naive Schweiz hat eben wieder neue EU-Vorschriften übernommen. Es geht um Schokoladenformen, mit denen man bspw. Tafeln, Pralinés, vielleicht Osterhasen herstellt. Die alten Formen noch aus Plastik dürfen in Zukunft nicht mehr verwendet werden, obwohl man sie in den letzten 100 Jahren problemlos einsetzen konnte. Gemäss dieser Vorschrift müssen die Schokoladeproduzenten nun auf teurere Materialien umsteigen. Es ist schon lange klar, dass die Schokoladengusstechnik mit den Temperaturen, die man auch in der Schweiz anwendet, gesundheitlich überhaupt kein Problem darstellen. Nun müssen alle diese Formen umstellen, auch kleinere Unternehmen, was wiederum mit grossen Investitionskosten verbunden ist.

Xecutives.net: Das Beispiel zeigt, dass solche Vorschriften und zuviel Regulierung dazu führen können, dass junge Menschen von der Gründung eines Unternehmens absehen. Das gilt nicht nur für die Schweiz, sondern möglicherweise in einem viel höheren Masse auch für Deutschland und Frankreich.

Dr. h.c. Beat Kappeler: Ich möchte Ihnen hierzu ein zweites sehr interessantes Beispiel aufzeigen: Vor einigen Jahren hat die Schweiz eine weitere EU-Vorschrift übernommen, die sich in den Alphütten, in denen wir seit Hunderten von Jahren Käse produzieren, auswirkt. Diese Alphütten müssen gemäss der Vorschrift einen festen Boden haben. Ohne diesen Boden darf kein Käse mehr produziert werden. Die kleinen Unebenheiten im Boden, die Böden sind oft auch mit Stroh ausgelegt worden, waren für die Produktion des Käses sehr wichtig. Sie haben mit anderen traditionellen Vorkehren, aufgrund von winzigen Verunreinigungen, die es eben gab, zur Löcherbildung im Käse beigetragen. Da es diese Unreinheiten nun nicht mehr gibt, müssen oft dem Käse Bakterienkulturen verabreicht werden, die dieses Defizit nun wieder wettmachen. Es geht um Top-Hygienevorschriften, die überall eingehalten werden müssen, ausgearbeitet von Menschen, die von Unternehmertum gar nichts wissen, und vor allem nichts dazu bezahlen. Für einen Neustart einer Käserei sind diese Vorschriften hoch. Es gibt eine Vielzahl solcher Beispiele und sie wirken sich auf das Unternehmertum sicher nicht vorteilhaft aus.

Xecutives.net: Eine Firma Lindt&Sprüngli kann diese Umstellung der Schokoladenformen stemmen und die Preise auf die Konsumenten überwälzen, kleinere Geschäfte jedoch haben das Nachsehen und sie müssen im schlimmsten Fall dicht machen. Professor Ingo Potrykus hatte vor vielen Jahren ähnliches berichtet in Bezug auf die Pflanzengenetik. Aufgrund sehr rigider Sicherheitsvorschriften hat die Schweiz den Anschluss in Sachen Pflanzengenetik schon längstens verpasst. Für die Chinesen hingegen eröffnete sich ein Milliardenmarkt, den die Schweiz nie mehr wettmachen können wird.

Dr. h.c. Beat Kappeler: Ich hatte vor 30 Jahren als Journalist einen Test gemacht. Ich war mit verschiedenen Städten in Kontakt und hatte versucht, herauszufinden, ob ich in einer Garage ein Büro eröffnen könnte, um dort zusammen mit zwei weiteren Journalisten arbeiten zu können, wie die Youngsters in den USA. Ich spreche von einem rein theoretischen Startup. Die städtischen Gewerbeämter waren recht kulant, aber die grösste Herausforderung war die Frage der Parkplätze. Ich hätte drei Parkplätze beschaffen müssen. Ein Parkplatz hätte mich in der Innenstadt schon damals rund 60’000 Franken gekostet. Ich hätte also rein hypothetisch schon aufgrund der Parkplatzfrage 180’000 Franken aufwerfen müssen, um überhaupt erst mit einem kleinen Unternehmen starten zu können.

Xecutives.net: Wie liesse sich denn diese Gesetzeswut, von vielen auch als Regulations-Tsunami bezeichnet, in der Schweiz verringern?

Dr. h.c. Beat Kappeler: Ich habe mir selber eine Liste zusammengestellt mit bürokratischen Hürden, die man abschaffen könnte. Politiker müssen den Mut haben, gegen ganze Abteilungen des Staates vorzugehen und diese zu schliessen, wie Präsident Milei in Argentinien. Ich habe vorgeschlagen, die Wegleitung zu den Verordnungen 3 und 4 des Schweizerischen Arbeitsgesetzes zu streichen. Wir sprechen von 290 Seiten Vorschriften, die sehr detailliert regeln, was Unternehmen alles tun müssen! Das geht von Lichtverhältnissen, zu Fensteröffnungen und Notausgängen, und vielem mehr. All das muss man beachten, wenn man eine Arbeitsstätte einrichten möchte. Die SUVA kontrolliert die meisten Themen auch noch mal, aber viel gescheiter. Die SUVA verfügt über die Kenntnisse der Risiken und Unfälle und hat ein grosses Interesse daran, dass die Anzahl der Unfälle sinkt.

Eine zweite Idee würde darin bestehen, die Akkreditierung zu streichen. Universitäten müssen sich alle paar Jahre akkreditieren. Sie müssen vorlegen, was sie alles tun, was von einer Dutzendschaft Jungakademikern in Bern kontrolliert wird. Diese Beamten prüfen die eingehenden Dokumente und segnen diese dann ab, ohne selber vor Ort zu sein. Die Idee ist absurd, etwa anzunehmen, diese Akkreditierungsstelle würde möglicherweise die Universität Basel schliessen, weil in Sachen Gender-Prozedere etwas nicht den Vorgaben entspricht. Das alles führt nicht nur zu einer Bürokratie beim Bund, sondern im besonderen Masse auch bei den Universitäten. Jede Regel verursacht nicht nur Bürokratie beim Bund, sondern auch bei Hunderten, Zehntausenden betroffener Unternehmen. Das verstehen viele Menschen nicht.

Ein weiteres Beispiel ist Swissmedic, eine Institution, die man in der Schweiz abschaffen könnte und es würde nichts Negatives geschehen. Swissmedic trägt u.a. dafür Sorge, dass importierte Medikamente umgepackt werden müssen und die Verpackungen mit den drei Landessprachen versehen werden. Wieso man in der Schweiz ein Medikament, das bspw. in der EU zugelassen ist oder auch in den USA, in der Schweiz nicht auch zulassen kann, ist sehr schräg. Die Qualität der Prüfverfahren auch in anderen Ländern ist sehr hoch. All das verteuert wiederum alles. Kleine Importeure können diese Auflagen zudem kaum erfüllen und können somit nicht Marktteilnehmende werden.

Das Parlament ist massgeblich dafür verantwortlich, dass neue und überzogene Vorschriften eingeführt werden. Später wundert man sich, warum der Staatsapparat aus den Fugen gerät und enorm wächst. Zudem führen alle diese Vorschriften und Regelungen dazu, dass schliesslich auch Produkte teurer werden, kleinere Unternehmen unter die Räder kommen und enorme Umstände generiert werden, die unnötig sind.

Xecutives.net: Was sind die Gründe, die zu dieser Aufblähung des Staates und zu Tsunamiwellen in Sachen Regulatorien führen? Haben wir zu wenig unternehmerisch denkende Menschen in der Politik? Eine Vielzahl der Politiker sind Lehrer, Anwälte und Treuhänder. Unternehmerinnen und Unternehmer finden sich selten, auch nicht im Bundesrat oder in gewissen Regierungsräten. Gibt es zu wenig Unternehmer und Unternehmerinnen in der Politik?

Dr. h.c. Beat Kappeler: Die Frage der Unternehmer in der Politik ist nur ein Aspekt, der wichtig ist. Politiker sorgen manisch für Sicherheit. Warum ist dem so? Weil Gerichte und Klagemöglichkeiten laufend erweitert worden sind. Das sehen wir sehr schön auch in den USA. Es wird bei jedem Problem sofort geklagt. Das führt dazu, dass Politiker alles daransetzen, solche Klagen zu vermeiden. Die Politiker, sodann die Bürokratie, setzen überall auf maximale Sicherheit, weil sie sich nicht Kritik aussetzen wollen, wenn etwas nicht läuft, oder schiefläuft. Der Sicherheitswahn und das «Sichbedeckthalten» vor Klagen sind die Hauptgründe, die zu dieser Vorschriftenflut führen.

Der Staat fühlt sich verantwortlich für die kleinsten Handreichungen der Bürger. Die Idee, dass der Staat alles überwachen und alles richten soll, hat die ganze westliche Zivilisation aufgefressen. Es wird also nicht die Selbstverantwortung gefördert, sondern der Staat soll alles richten und organisieren, was er ja sehr gerne tut. Wenn Sie die Medienmitteilungen verfolgen und bspw. von einem Unfall in Zürich lesen, wird am Schluss immer festgestellt, dass nun alles abgeklärt werde und man klagen werde. Das sind unglaubliche Fussfesseln an jedem Beamten, wenn er, resp. der Staat, haftbar wird, für allfällige Sicherheitsdurchbrüche. Vor rund 35 Jahren ist die Verwaltungsgerichtsbarkeit im Bund eingeführt worden. Ab diesem Moment hatten diese Klagen enorm zugenommen. Wir haben heute Heerscharen von Juristen im Verwaltungsgericht, aber auch in den Unternehmen und sonstigen Behörden, die sich mit all diesen Klagen beschäftigen. Wir sprechen von unerhörten gesellschaftlichen Ressourcen, die aufgebraucht werden. Das erklärt auch, warum in der Schweiz jede Autobahn renoviert werden muss, die gar nicht renoviert werden müsste. Diese Risikotoleranz ist somit ein grosses Problem, mit dem wir uns auseinandersetzen sollten. Es bedarf Politiker und Politikerinnen, die sich nicht scheuen und bei den strafenden Instanzen des Risikos auftreten und die Klagbarkeit von vielen Sachen abschaffen. Das gilt auch für trölerische Rekurse wie bei Baueingaben, die Bauvorhaben um viele Jahre verzögern können. Bekommt ein Einsprechender schliesslich nicht Recht, so hat er keine Kostenfolgen zu befürchten.

Es gibt hierzu ein sehr schönes Beispiel in Zusammenhang mit der Universität Zürich. Dort können Noten nicht angefochten werden. Viele Eltern an Schulen schalten schnell gerne mal ihren Anwalt ein, wenn der Sohn oder die Tochter durchfallen. Wenn das Gesetz selber aber vorsieht, dass die Noten gar nicht angefochten werden können, kann man ganze Schulen enorm entlasten. Ich führe dieses Beispiel immer an, wenn es um die Diskussion geht, dass diese Klagekultur im Gesetz selbst gebremst werden sollte.

Schauen Sie, die JUSO hat Anzeige wegen Bestechung fremder Amtsträger erstattet gegen die Herren, die mit Trump die Zölle verhandelt haben und den Bundesrat unterstützt haben, offenbar mit grossem auch medialem Erfolg. Wenn ein Gericht eine solche Klage erhält und diese innert kürzester Frist für gegenstandslos einstuft, dann wäre das ein deutliches Zeichen, keine solchen Klagen mehr zu erheben. Je mehr und je länger sich das Gericht mit solchen Klagen beschäftigt, desto mehr motiviert es damit gewisse Menschen, weitere solche Klagen zu lancieren. Das halte ich für falsch.

Schliesslich gibt es ein Mittel, Unternehmer wieder an der aktiven Politik zu interessieren – wenn nämlich die Parlamentarier nicht selbst ihre Sitzungen laufend ins Unendliche vermehrten, durch Hearings, PUK’s, Kommissionen, Besichtigungen. Ich weiss, dass die Sitzungsgelder beträchtlicher Höhe für die meisten, heute fast Vollzeitpolitiker, keine Milizionäre mehr, ein Motiv zu Sitzungsrunden sind. Dann können Unternehmer nicht mithalten. Sodass die Parlamentarier mit einer grosszügigen Pauschale entlohnt, aber keinen Franken Spesen, Sitzungs- und Reisegelder erhalten sollen

Xecutives.net: Haben diese Probleme mit Zöllen in der Schweiz nicht ein gewisses Wachrütteln bewirkt? Viele Menschen haben zur Kenntnis genommen, dass es in der Schweiz produzierende Industrie gibt, dass Maschinen und Produkte ins Ausland verkauft werden und dass das wichtig ist für den Werkplatz Schweiz, weil hier viel Wertschöpfung bewirkt und somit auch viel Geld verdient wird.

Dr. h.c. Beat Kappeler: Die Schweiz ist insofern erwacht, als sie erkannt hat, dass ein Präsident und seine Entourage sehr schnell Verträge aufkündigen und Regeln einfach so brechen können. Das war sich die Schweiz bisher nicht gewohnt. Die geltenden Regelwerke, wie die WTO sind von den USA ignoriert worden und die Schweiz sieht sich nun einer Person ausgesetzt, die uns von heute auf morgen unter Druck setzen kann, so wie Trump das mit den hohen Zöllen für die Schweiz gemacht hat. Wir sind auf uns selber zurückgeworfen worden. Es ist aber nicht alles so dramatisch, wie es tönt. Es gibt noch überwiegend viele Regionen auf der Welt, mit denen wir zusammenarbeiten. Schwierig würde es, wenn plötzlich alle gegen alle agieren und jeder versucht, mit eigenen Zöllen das Beste für sein Land zu machen. Dass Amerika ausgeplündert worden sei durch die vielen Importe aus China, ist wahr. Die USA hat dazu schon seit langer Zeit ein allgemeines Handelsbilanzdefizit. Die USA hat viel Industrie verloren. Wenn die USA nun gezielt nichts mehr aus China kaufen würden, so ergösse sich der Warenstrom der Chinesen noch mehr nach Europa. Das findet bereits statt. Das würde die europäische Industrie weiter unter Druck setzen. Es bleibt somit in Bezug auf China gar nichts anderes übrig, als Zölle zu erheben oder besser, das Land zu zwingen, die Währung aufzuwerten. China macht ein grosses Währungsdumping. Ein Land, das sehr hohe Produktivitätsgewinne und Exportzunahmen verzeichnet, müsste unter normalen Verhältnissen die Währung aufwerten. Das hat auch die Schweiz gemacht. Das müsste in unserem Falle Trump verstehen und würdigen. China tut das nicht. Wenn Trump Erfolg hat mit dem Aufwertungsdruck gegenüber China, so würde das auch der Schweiz nutzen. Wenn er aber nur einseitig den Dollar abwertet, und das ist sein erklärtes Ziel, dann wird der Import nach USA teurer und China wird von den USA ausgebremst. Wir hätten aber nichts davon.

Xecutives.net: Kinder wachsen heute meist nicht mehr in gewerblich oder unternehmerisch geprägten Familien auf. Sie kennen den Kindergarten und die Schule und, das ist jetzt ein bisschen überspitzt, sie wollen, wenn man sie nach dem Berufswunsch fragt, selber auch Lehrer oder Lehrerin werden, oder Psychologin, oder sie wollen Soziologie studieren, verbunden mit Gender-Fächern. Sind das Zeichen dafür, dass wir auf dem besten Weg sind, uns von Produzenten zu vollständigen Konsumenten zu verwandeln?

Dr. h.c. Beat Kappeler: Die Kinder nehmen natürlich die beruflichen Vorbilder zur Kenntnis. Wenn wir in Herisau als Schüler unterwegs waren, gab es immer viel zu sehen, da war ein Schumacher, ein Schmid, ein Schlosser, ein Bäcker und uns waren diese Gewerbe bekannt. Man kann diesen Kindern heute gar keinen grossen Vorwurf machen. Sie sehen oft nichts anderes als die Schule und Papa, Mama, die mit dem Mäppchen morgens ins Auto steigen. Das erklärt auch, dass es sehr viele «Schmetterlingsfächer» der Studien gibt, die dann gewählt werden. Wer käme in einer gewerblichen Wirtschaft auf die Idee, Soziologie zu studieren! Die Wahl, Lehrer zu werden, ist aufgrund der Tatsache, dass man hundertprozentig eine Stelle finden wird, ein nicht zu schlagendes Argument. Will man dann einem jungen Menschen erklären, dass handwerkliches Arbeiten erstrebenswert sei, so muss man zeigen, wie diese Berufe heute Technik-gestützt und intellektuell ansprechend sind. Man sollte ihnen dann auch den Lohn erklären, dass ein Handwerker mit etwas Überzeit irgendwann sieben oder acht Tausend Franken verdienen kann, als Selbstständiger meist mehr.

Xecutives.net: An den Schulen sind Themen wie Wertschöpfung oder Produktion inexistent, selbst an Universitäten. Wertschöpfendes Denken ist auch in der Politik eher eine Seltenheit. Darüber hat der Unternehmer und Financier Dr. Dr. h.c. Henri B. Meier, der mit Ihnen zusammen im Jahr 1999 die Ehrendoktorwürde der Universität Basel entgegennehmen durfte, sehr detailliert berichtet.

Dr. h.c. Beat Kappeler: Es kann heute alles überall hergestellt werden und das haben viele Menschen noch nicht kapiert. Heute können viele Schwellenländer schon fast alles produzieren, was wir in der Schweiz auch produzieren. Die Menschen müssten etwas verstehen von der Globalisierung, von den Lieferketten, vom Sourcing. Ich habe mich in meinem Studium der Weltwirtschaft mit vielen Modellen auseinandergesetzt, wir gingen aber leider auch nie Unternehmen anschauen. Die Universität in Genf hat sich mit der Theorie auseinandergesetzt, nicht mit der Praxis.

Xecutives.net: Es haben sich nun wirtschaftlich sehr erfahrene Personen, die auch über das nötige Kleingeld verfügen, bereit erklärt, mit Trump zu sprechen und das hat offenbar recht gut funktioniert. Kaum geschehen, gibt es in der Schweiz Diskussionen über Anzeigen, die man erstatten wolle, weil hier oder dort etwas nicht richtig gemacht worden sei. Wir wären also wieder bei dieser Klagementalität, die Sie kritisch sehen, die aber offenbar von vielen Menschen getragen wird.

Dr. h.c. Beat Kappeler: Es geht um die Verkennung dessen, was der schweizerische Staat kann und was er nicht kann. Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter musste Trump erklären, dass sie den Unternehmen in der Schweiz nicht auferlegen könne, mehr in den USA zu investieren. Das macht eben spontan die Privatwirtschaft. Der Staat kann sich um die Rahmenbedingungen kümmern und dafür sorgen, dass alle gleich behandelt werden. Unternehmerisch kann er aber nichts beitragen. Die Unternehmer, die nun mit Trump gesprochen haben, finden sich auf den Spuren von Alfred Escher, der die Gotthardbahn samt Tunnel auf die Reihe bekommen hat und die Finanzierung besorgte. Das war ein Unternehmer, der gestaltet hat und Dinge gemacht hat, die der Staat gar nicht hätte tun können. Ein anderes Beispiel ist der Bankier Felix Somary, der 1939 vorausgesehen hatte, dass es einen gigantischen Krieg geben werde und die Schweiz völlig wehrlos sei. Der Ökonom und Bankier schlug Bundesrat Obrecht vor, selber in die USA zu gehen, um sechsjährige Verträge für Rohstoffe mit den USA auszuhandeln. Er ging auf eigene Kosten nach Chicago und konnte diese wichtigen Optionsverträge mit den USA abschliessen. Die Schweiz wäre ohne Rohstoffe gewesen, wenn sich dieser Bankier nicht für die Schweiz eingesetzt hätte. Es gibt weitere solcher Beispiele, auch Schweizer, die sich beim Wiener Kongress für die Schweiz eingesetzt hatten. Nichts Neues also, und wer’s nicht versteht, versteht die Schweiz nicht. Der Schweiz ist es immer gelungen, die Unternehmen zum richtigen Zeitpunkt einzubeziehen.

Um noch mal auf die Schokoladenformen und die Alphütten zu sprechen zu kommen: Unsere staatlichen Beamten verfügen nicht über die nötigen Kenntnisse in Bezug auf die Produktion von Schokolade und Käse. Der Bundesrat wäre gut beraten, wenn er die Unternehmen ernster nähme als die Sicherheitsmanie der Beamten. Frau von der Leyen in Brüssel hat keine Ahnung von Unternehmertum. Sie entstammt der Welt der Politik. Madame Lagarde von der EZB hat sich noch nie einer Volkswahl gestellt. Das erklärt, warum wir mit einer Flut von Regulatorien und Gesetzen zugemüllt werden, die schädlich sind. Mario Draghi selber hat das erkannt und er hat einen vernichtenden Bericht über die Regulierungswut in Europa geschrieben. Der Bericht ist aber vergessen gegangen und ignoriert worden. Jetzt im November 2025 ist Draghi noch mal aufgetreten. Einzige Folge: einige der Richtlinien sind um ein oder zwei Jahre aufgeschoben worden. Das Ziel, den Verbrennungsmotor zu beseitigen, wurde nun auch aufgeweicht – von Null-Fossil auf 10% tolerierte Motoren, weil immer mehr klar wird, dass wir uns mit diesen vielen Vorschriften selber in den Fuss schiessen und der Wirtschaft insgesamt grossen Schaden zufügen.

Xecutives.net: Gemäss Auskunft einer KI wurden in den letzten Jahren nur schon in Deutschland rund 190-220 Professuren für Genderforschung eingerichtet. Das ist eine sehr grosse Zahl, wenn man bedenkt, dass jede Professur einen oft grossen Apparat bedeutet. Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Riesenhuber, der ehemalige Minister für Forschung unter Altkanzler Kohl war sehr besorgt darüber, dass wir hier in Europa den Anschluss an die neusten Techniken und Entwicklungen verpassen könnten. Er sah wohl voraus, was mit der deutschen Automobilindustrie nun alles passiert ist. Steht dieses Anwachsen des Staates und das Aufblühen gewisser neuer Fächer, ich spreche von Woke und Gender, in einem Zusammenhang zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die wir zurzeit vorliegen haben?

Dr. h.c. Beat Kappeler: Es geht um die Bauchnabelperspektive, die an den Unis gepflegt wird – «diversity» oder «die Konstruktion des weiblichen Geschlechts» bemühen soviele Ressourcen wie in der Scholastik die Frage, wieviel Engel auf einer Nadelspitze Platz haben. Viele Studiengänge und die daraus resultierenden Erkenntnisse, eher Erschwernisse, werden den Unternehmens»kulturen» aufgesetzt, aber es verschlechtert oft auch die Beziehung zwischen den Angestellten – wer ist nun wegen seiner Fähigkeiten oder nur als Quote eingestellt worden. Die Tendenz, dass so viele Professuren für Genderforschung gegründet werden, auch für andere sogenannte «Schmetterlingsfächer», beruht darauf, dass die Gesellschaft sehr reich geworden ist und alle Mittel, die für Bildung zur Verfügung gestellt werden, sakrosankt sind. Sobald man diese Mittel reduzieren möchte, sieht man sich mit dem Vorwurf konfrontiert man sei gegen Wissenschaft und Bildung. Viele Bereiche auch an Hochschulen haben sich selber immunisiert. Es ist somit sehr schwierig, einmal gesprochene Mittel wieder zu widerrufen. Wir haben also eine Gesellschaft, die sich gar nicht gross mit dem Thema Wertschöpfung auseinandersetzen muss, weil es ja allen gut geht und wir alles haben, was wir brauchen.

Viele Ressourcen, die aufgewendet werden, werden nicht auf ihre Nützlichkeit hin geprüft. Der keynesianische Gedanke spielt da einen Streich. Gemäss Keynes ist jede Staatsausgabe nützlich, weil sie in dieser Ideologie dazu führt, dass das Bruttoinlandsprodukt vermehrt wird. Wenn man das glaubt, gibt es keine Werthierarchien, was werthaltig ist und was nicht bei einer staatlichen Ausgabe. So sehen Menschen, die dieser Ansicht folgen, es als förderlich, wenn jedes Trottoir neu gemacht wird, oder wenn zehn neue Stellen geschaffen werden. Die Geldschöpfung der Notenbanken dazu ist aber seit ca. 2011 immer grösser als die nominelle Zunahme des Bruttoinlandsprodukts. Der vielgerühmte Multiplikator solcher Ausgaben steckt nur in der Geldpresse, nicht in den Werten. Die Idee ist aber tief verankert, das hört man auch bei den Debatten um Budget und Schuldenbremse. Jede staatliche Ausgabe ist somit unberührbar, weil sie eben Wert schaffen würde. Diese Ansicht aber ist somit falsch. Jedoch haben das viele Menschen nicht kapiert. Man erkennt hier auch eine grosse Verachtung für die echt produktiven Werte, die sich in der Gesellschaft verbreitet hat.

Xecutives.net: Herr Kappeler, was wünschen Sie der Schweiz für die Zukunft?

Dr. h.c. Beat Kappeler: Ich wünsche, dass sie den Mut findet auf ihrem 730-jährigen Weg, weiterzugehen, unabhängig und produktiv sowie verantwortungsvoll für die eigene Wertschöpfung und dass sie diese Klagementalität nicht bewahrt, die in Ansätzen heute schon stattfindet.

Xecutives.net: Herr Kappeler, herzlichen Dank für die Zeit, die Sie sich für dieses Interview genommen haben. Ich wünsche Ihnen bei Ihren Studien und Projekten weiterhin alles Gute!

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