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Claudio Bernasconi ist Gastronom und Hotelier und zudem der wohl bekannteste Whiskyexperte, den die Schweiz bisher hervorgebracht hat. Claudio Bernasconi kennen auch Menschen, die mit Whisky nicht viel zu tun haben, nämlich als ehemaligen Betreiber des Hotel Waldhaus am See in St. Moritz, ein Hotel, das im Jahr 1885 gegründet wurde und damals noch «Waldschlössli vom Rocca» hiess. 1983 übernahm Claudio Bernasconi das Hotel, das in der Folge mehrmals umgebaut und renoviert wurde. Er führte das Hotel während 33 Jahren. Seit 2011 wird es von seinem Sohn Sandro Bernasconi geführt. Für Whisky-Liebhaber ist das Hotel ein absolutes Muss, ein Mekka. Nebst seinem Whiskygeschäft «World of Whisky», welches vom zweiten Sohn, Nico Bernasconi, geleitet wird, befindet sich im Hotel die grösste Whisky-Bar der Welt, das Devil’s Place. Die Whisky-Sammlung umfasst heute rund 2500 Flaschen Whisky. Zigarrenliebhaber werden zudem mit gutem Tabak versorgt. Sowieso ist das Hotel ein wunderbarer Ort mit einer grossartigen Sicht auf den See in St. Moritz.
Claudio Bernasconi wurde aufgrund seiner Arbeit mit Whisky mit der Auszeichnung „Keeper of the Quaich“, was so viel wie der «Hüter des Kelchs» bedeutet, geadelt. Wikipedia vermerkt dazu Folgendes: Keepers of the Quaich ist eine in Schottland ansässige, international tätige Vereinigung, deren Aufgabe in der Pflege, Wahrung und Förderung der schottischen Whisky-Kultur besteht. Bislang wurden etwa 2800 Mitglieder aufgenommen, die aus über 100 verschiedenen Staaten stammen. Mitglied wird man nur auf Einladung. Claudio Bernasconi ist dort in allerbester Gesellschaft, auch King Charles und Prinz Albert von Monaco sind Mitglieder des Keepers of the Quaich.

Seit 1996 ist das Devil’s Place zudem als grösste Whisky Bar der Welt im Guiness Buch der Rekorde eingetragen, bereits seit drei Jahrzehnten. Jeder, der von Whisky etwas versteht, wird früher oder später in St. Moritz im Hotel Waldhaus einkehren und mit ein bisschen Glück trifft man dort auch auf Claudio Bernasconi. Nach einem eingehenden Gespräch mit dem Whisky-Liebhaber Martin Degen, der ein grosser privater Whisky Sammler ist, haben wir das Netzwerk spielen lassen und Claudio Bernasconi für ein Interview angefragt. Im Interview mit Xecutives.net gibt Claudio Bernasconi darüber Auskunft, wie er selber in jungen Jahren zum Whisky kam, was ihn motiviert hatte, eine Whisky-Bar zu eröffnen, diese zur grössten Whisky-Bar der Welt zu entwickeln und wer sich im Waldhaus für Whisky interessiert. Claudio Bernasconi geht auch auf die Frage ein, wie es sich mit Investments in Whisky verhält und was Spekulanten weltweit für einen Einfluss auf die Welt des Whiskys haben. Erstaunlicherweise ist Indien der grösste Produzent der Welt und zugleich auch der grösste Konsument von Whisky. Die drei grössten Whisky-Anbieter sind in indischer Hand (Platz 1-3 und 6-10 auf der Welt). Ob es sich lohnt, auch japanischen Whisky zu trinken und Whisky aus der Schweiz, wo seit 1999 «Uisge beatha» hergestellt werden darf, erfahren Sie im Interview. Auch geht Claudio Bernasconi auf die Gefahr von Whisky-Fälschungen ein und erzählt eine Anekdote, diesbezüglich, die vor ein paar Jahren medial die Runde machte, als ein chinesischer Kunde sich für den teuersten Whisky auf der Karte des Devil’s Place entschied.
Xecutives.net:Herr Bernasconi, mir ist gesagt worden, dass Sie, anders als der Whisky-Liebhaber und Sammler Martin Degen, der sich in einer Bar vor 30 Jahren einer einsamen Flasche Whisky annahm, die irgendwo im Gestell schlummerte, über das Zähneputzen zum Whisky gekommen sind. Was steckt hinter diesem dental-medizinischen Umstand?

Claudio Bernasconi: (lacht) Das begann als ich 20 Jahre alt war. Ich wollte damals ein Restaurant kaufen und bin ins Zürcher Oberland gereist, um mit einem Bankerdirektor zu sprechen. Er meinte, ich hätte kein Kapital und keine Erfahrung und er könne mir kein Geld für ein Restaurant geben. Er befand mich als zu jung, zudem hatte ich zu wenig Eigenkapital und es würde mir die Erfahrung fehlen, meinte der Banker. Ich traf in der Folge weitere Bankdirektoren und alle lehnten mein Anliegen ab. Somit war meine Finanzierung gescheitert. Ich ging nach Hause und packte meinen Rucksack und ging auf Weltreise. Ich hatte das Glück, dass mein Vater bei der Swissair arbeitete. Ich konnte darum sehr günstig nach Tokyo und überall hin fliegen.
Es ging dann via viele Zwischenstationen nach Südamerika. Ich besuchte Mittel- und Nordamerika. Ich besuchte rund 25 Länder in Afrika. Auch besuchte ich den Nahen Osten und schliesslich auch den Fernen Osten. Dort war ich längere Zeit in Indien und es wurde mir dringend geraten, ja kein Wasser zu trinken. Man riet mir, Whisky zu kaufen, um nach dem Zähneputzen meinen Mund zu spülen und man sagte mir, das würde alles neutralisieren. Ich hatte mich an diesen Rat gehalten, fand dann aber, dass der Whisky eigentlich eine tolle Spirituose ist. Damit bin ich in Indien damals auf den Whisky gestossen, der mich bis heute begleitet.
Xecutives.net: Ihre Liebe zum Whisky hat in den letzten Jahrzehnten zu enormen Tätigkeiten und Erfahrungen geführt. Mithin haben Sie die weltgrösste Whisky-Bar im Hotel Waldhaus in St. Mortiz aufgebaut, das Devil’s Place, und Sie handeln heute im grossen Stil mit Whisky. Wie kamen Sie auf die Idee, in Ihrem Hotel in St. Moritz eine Whisky-Bar zu eröffnen?
Claudio Bernasconi: Als ich das Hotel Waldhaus in St. Moritz bereits führte, teilte mir ein Mitarbeitender mit, dass er in Holland einen Mann kennen würde, der eine Bar betreibt, rund 100 Whiskys hatte und die grösste Whiskybar der Welt führte. Ich dachte in Bezug auf Holland nie an Whisky, mehr an Tulpen, und fand, dass wir das in der Schweiz auch können. Aufgrund meiner sehr guten Kontakte damals zur Swissair fanden bei mir immer wieder Weiterbildungsseminare von Captains und Maîtres de Cabine statt. Das war die Zeit, als es noch keine Computer und E-Mails gab wie heute. Ich verfasste einen Brief an rund 400 Personen und teilte meinen Freunden des Waldhauses mit, dass ich Whisky sammeln würde und ich mich über jede Flasche, die man mir mitbringen würde, sehr freuen würde. Innerhalb von kürzester Zeit bekam ich über dieses Netzwerk der Swissair und Kunden des Waldhauses über 120 Flaschen Whisky. Ich informierte mich damals, ob ich mich ins Guiness Book of Records eintragen lassen könne. Ich stellte dann aber fest, dass es am Gardasee einen Herrn Giaccone mit einer Bar gab, der über 6000 Flaschen Whisky hatte. Er war ein ganz grosser Sammler und Whisky-Händler und hatte schon damals Macallen importiert. Das hatte mich damals frustriert und ich sammelte eine Zeitlang keinen Whisky mehr.
Irgendwann nahm ich das Whiskysammeln dann aber doch wieder auf und ich hatte die Idee, im Waldhaus eine schöne Whisky-Bar einzurichten. 1995 bauten wir das Waldhaus für rund 10 Millionen Franken um. Ich sagte meinem Architekten, dass ich sehr gerne die schönste Whisky-Bar von St. Moritz haben möchte. Er fragte mich, wieviele Flaschen ich denn in der Bar haben wollte. Ich sagte ihm rund 400, worauf er antwortete, dass er mich genügend gut kenne und schon mal für 800 Flaschen planen würde (lacht). Nach dem Umbau kamen die ersten Whisky-Vertreter und fragten, wer denn die grösste Whisky-Bar in der Schweiz habe. Das war damals die Widder-Bar in Zürich mit rund 250 Flaschen. Sie waren der Meinung, dass ich nun im Waldhaus mit meinen über 400 Flaschen die grösste Whisky-Bar der Schweiz hätte. Ich arrangierte dann eine Pressekonferenz und teilte mit, dass sich die grösste Whisky-Bar der Schweiz in St. Moriz befinde. Darauf kam auch kein Widerspruch und wir eröffneten die Bar. Im selben Jahr, 1995 starb Herr Giaccone, der Mann mit der weltgrössten Whisky-Bar am Gardasee. Ich bin nach Italien gefahren, um seiner Frau zu kondolieren. Seine Frau war daran, den ganzen Whisky zu verkaufen und sie ging von einem Verkaufswert von rund fünf Millionen Franken aus. Ich fragte sie, ob ich auch einige der Flaschen erwerben könne und sie sagte, dass ich das selbstverständlich tun könne. Ich ging auf die Bank, in der Zwischenzeit hatte ich ein besseres Verhältnis zu den Bankern, und sagte, ich brauche etwas Geld für die Whisky-Bar. Sie meinten, dass ich so viel Geld haben könne, wie ich wollte. Ich bekam dann rund 100’000 Franken und kaufte mir damit am Gardasee Whisky, rund 1000 Flaschen. Im Jahr 1996 hatten wir dann schon mehr als 1000 Whiskys in unserer Bar im Waldhaus, worauf ich beim Guiness Book of Records den Antrag für die grösste Whisky-Bar der Welt stellte. 1996 waren wir dann bereits mit 1000 Flaschen im Guiness Buch der Rekorde vertreten. Als mich dann ein Whisky-Bar-Betreiber anrief und mir sagte, dass er auch schon 980 Flaschen hätte und ich dann im nächsten Jahr nicht mehr im Guiness Buch erscheinen würde, ging ich noch einmal zur Bank und erhielt wieder 100’000 Franken. Ich fuhr mit dem Geld nach Italien und kaufte von der Witwe noch mal 1500 Flaschen. Im Jahr 1998 hatten wir dann 2500 Flaschen in der Bar. Im 2026 sind wir nun 30 Jahre im Guiness Buch der Rekorde mit der grössten Whisky-Bar der Welt.

Xecutives.net: Wie hat St. Moritz auf diese Tatsache und Idee reagiert? Den Tourismus dürfte das gefreut haben!
Claudio Bernasconi: Der Kurdirektor war sehr erfreut. Wir waren mit der Whisky-Bar und dem Waldhaus immer wieder in den Medien. Das passierte anderen Hotels und Restaurants nicht so oft. Ich war damals auch im Vorstand von Gastro Graubünden. Graubünden hat 2300 Hotels und Restaurants. Das ist eine beachtliche Zahl. Mit einer Gerstensuppe auf der Karte war die Chance, in den Medien zu erscheinen jedoch nicht so gross. In der Zeitung erscheint man, wenn man Ausserordentliches macht, Dinge erschafft, die auf ein grosses Publikumsinteresse stossen. Es kam dann auch zu Pressekonferenzen in Bezug auf das Waldhaus und die Whisky-Bar. Heute kommen Menschen aus der ganzen Welt zu uns, um Whisky zu trinken. Auch Besucher der 5-Sterne-Hotels in St. Moritz kommen zu uns, um einen guten Whisky geniessen zu können.
Xecutives.net: Niemand konnte voraussehen, dass Whisky ein so dominanter Alkohol werden konnte. Man beobachtet auf dem Markt viele Veränderungen. Es wird bspw. weniger Alkohol getrunken, schon seit ein paar Jahren, zudem ist der Gin zurzeit en vogue, vorher war es der Rum, irgendwann der Grappa und andere Alkoholika. Wie erklären Sie sich dieses lang andauernde Interesse für die Spirituose Whisky, die nicht abklingt?
Claudio Bernasconi: In den Sechzigerjahren war der Cognac bei uns völlig on vogue. Als dann viele Italiener in die Schweiz kamen und hier arbeiteten, verbreitete sich in der Schweiz der Grappa. In den Neunzigerjahren kam mit dem Einzug der kubanischen Musik, dem Reggae und einer grossen Latino-Welle der Rum zu uns. In den Zweitausenderjahren kamen die Alcopops auf mit Wodka. Damit wurde der Wodka in dieser Zeit zur bestverkauften Spirituose. In den letzten 15 Jahren ist es nun der Gin, der von vielen Konsumentinnen und Konsumenten getrunken wird. Interessanterweise ging der Verkauf von Gin in den USA um rund 30% zurück und dort ist zurzeit der Tequilla die Nummer 1 der Spirituosen. Diese Spirituosen sind alle Moden unterworfen. Der Whisky hingegen bleibt seit Jahrzehnten stabil, wie Sie richtig festgestellt haben.
Es haben nun nicht alle Freude, wenn ich das erzähle. Der Grappa jedoch ist, wenn man die Produktion der Spirituose genau betrachtet, ein Abfallprodukt aus der Weinproduktion. Das Qualitätsmerkmal des Wodkas ist bemerkenswert. Je weniger der Geschmack ausgeprägt ist, als desto besser wird er betrachtet. Der russische Kauffman Vodka wird bis zu 14 Mal destilliert und gilt bei Kennern als der feinste Wodka. Beim Whisky ist es genau das Gegenteil. Je mehr Aroma ein Whisky hat, desto interessanter wird er von Liebhabern eingeschätzt. Darum bezeichne ich den Whisky oft gar nicht als Spirituose, sondern als Genussmittel. Der Whisky wird jahrelang, manchmal auch jahrzehntelang, in einem Eichenholzfass gelagert, wo er reift. Gin hingegen ist ein Industriealkohol, der unter Beigabe von Kräutern zum gleichen Preis wie ein Glenfiddich verkauft wird. Ich erinnere mich an Gespräche mit Glenfarclas. Unter Whisky-Kennern und Produzenten ist man in Bezug auf diese Preisgestaltung sehr unglücklich, steckt doch hinter der Produktion von Whisky viel mehr Einsatz als bei der Produktion von Industriealkohol. Den Konsumenten sind diese Sachen aber oft gar nicht klar und der Konsument richtet sich halt oft nach den jeweiligen Moden, die grad en vogue sind.
Ich bin immer wieder begeistert, wenn ich in Schottland bin und die Landschaften sehe. Sie passen perfekt zum Whisky – und umgekehrt. Schon die Namen vieler Whiskys drücken das aus. Glenfiddich, als Beispiel, bedeute das «Tal des Hirsches». Glen bedeutet «Tal» und dieses Wort ist in vielen Whisky-Namen drin, so auch bei Glenfarclas oder bei Gleneagles. Hinter dem Whisky gibt es viele Geschichten und darum ist der Whisky auch ein Kult, wogegen andere Spirituosen kommen und gehen.
Xecutives.net: Wie kam es, dass man in der Schweiz und in Deutschland plötzlich Whisky trank?
Claudio Bernasconi: Der Whisky wurde bei uns vor allem durch die amerikanischen und britischen Truppen, die im Zweiten Weltkrieg nach Europa kamen, bekannt. Zuvor wurde bei uns und in Deutschland sehr viel Schnaps getrunken. Das änderte sich mit den Soldaten, die Whisky und Bourbon tranken. Racke Rauchzart ist einer der meistverkauften Whiskys in Deutschland. Die Marke stamm aus Oelde und wurde ab 1958 vertrieben. Der Betrieb wurde jedoch eingestellt. Die Marke wurde vor einigen Jahren von einem anderen Unternehmen übernommen. Ich habe im Keller noch einige Flaschen dieses Whiskys stehen.
Ich war letztes Jahr wieder in Schottland und habe dort mit vielen Whisky-Kennern sprechen können. Bei diesen Gesprächen kamen wir dann auch auf den Angel Share. Man sagt unter Kennern, dass die besten und schönsten Engel oberhalb von Schottland leben würden. Das ist sehr interessant, denn es sind tatsächlich rund 10 Millionen Liter pro Jahr, die als Angel Share in die Luft und in die Atmosphäre gelangen. Also kein Wunder geht es den Engeln über Schottland sehr gut (lacht). Der Angel Share-Anteil beträgt in Schottland rund 2%.
Xecutives.net: Wir wissen, dass sehr viel Whisky aus Schottland und Irland stammt. Dann gibt es viel Whisky und Burbon in den USA. Indien ist heute aber offenbar der grösste Abnehmer für Whisky, aber auch der grösste Produzent. Wie erklärt sich das?
Claudio Bernasconi: Indien war rund 200 Jahre unter englischer Herrschaft. Die Engländer hatten den Indern damals die Whisky-Kultur beigebracht. Damit wurden die Inder zu Whisky-Trinkern. Diageo, ein Unternehmen das bspw. die Marken Johnnie Walker, Smirnoff und Baileys besitzt sowie Pernot Ricard, ein Unternehmen dem bspw. die Marken Absolut und Jameson gehört, sind die grössten Spirituosenhersteller der Welt. In Indien wird enorm viel Whisky hergestellt. Es gibt den Amrut-Whisky aus Indien. Diese Firma macht wunderbare Single Malt Whiskys. Seit rund drei Jahren haben wir die Generalvertretung für diesen indischen Whisky in der Schweiz. Das Wasser für diesen Whisky stammt aus dem Himalaya und teilweise kommt die Gerste auch aus Schottland. Manchmal habe ich bei einem Tasting einen indischen Whisky in der Auswahl und kein Mensch würde erkennen, dass hier etwas komisch wäre. Die Destillerie befindet sich in Bangalore.
In Indien kann es immer mal wieder 40°C warm sein. Das ist auch in Taiwan so. Das resultiert in einem unglaublichen Reifeprozess. Der Angel Share, also der Teil, der aus dem Fass verdunstet, beträgt in diesen Gegenden 18% pro Jahr. Die Unternehmen müssen den Whisky nach vier oder fünf Jahren abfüllen, da der Verlust im Fass ansonsten sehr viel grösser wäre. Das führt dazu, dass der indische und der taiwanesische Whisky in der Regel sehr jung sind. Weil aber rund 70% des Whiskys in den vier oder fünf Jahren verloren gehen, wird er sehr konzentriert und darum auch sehr gut.
Xecutives.net: Ich habe selber einige Male Whisky aus Japan kosten dürfen und fand diesen sehr gut. Offenbar kommen einige der teuersten Whiskys aus Japan. Wie erklärt es sich, dass grad die Japaner, die nun mit Schottland und Irland nicht so viel am Hut haben, auch charakterlich nicht, ein Whisky-Land geworden sind?

Claudio Bernasconi: 1907 hatte der Gründer von Suntory seinen Neffen nach Schottland geschickt, um dort lernen zu können, wie man Whisky produziert. Die Firma Suntory wurde 1899 gegründet. Der Neffe blieb dann 13 oder 14 Jahre, eine lange Zeit, in Schottland und arbeitete dort in diversen Destillerien. Der junge Whisky-Experte kehrte nach Japan zurück und hat sein Wissen dort angewendet. Heute ist die Firma Suntory die Nummer 1 in Sachen Whisky in Japan, mit einer sehr grossen Auswahl an verschiedenen Whiskys. Zum Ärger der Amerikaner hat das Unternehmen im Jahr 2014 die Marke Jim Beam gekauft. Damit ist das Unternehmen einer der grössten Whisky-Produzenten auf der Welt geworden.
Ich werde auch bei Whisky-Tastings sehr oft gefragt, ob man japanischen Whisky trinken kann. Meine Antwort lautet dann immer folgendermassen: Vor 100 Jahren haben die Japaner ein deutsches Auto gekauft und es nach Japan transportiert. Dort wurde es zerlegt, um die Technik zu verstehen. Sie haben das Auto wieder zusammengebaut und haben selber angefangen, Autos zu bauen. Heute ist Toyota die Nummer 1 auf der Welt. Ein bisschen ähnlich ging das auch mit dem Whisky. Die Japaner stellen sehr guten Whisky her und es gibt Whiskys, für den Sammler ein Vermögen ausgeben. Dazu kommt, dass einige namhafte schottische Journalisten den japanischen zum besten Whisky der Welt gekürt haben. Das ist der Grund, warum die Preise für gewisse japanische Whiskys durch die Decke gingen. Ich hatte selber einen 18-jährigen Yamazaki für 100 Franken verkauft. Ich hatte etwa 24 Flaschen davon verkauft pro Jahr. Bis vor zwei oder drei Jahren wurden diese Flaschen dann für 2500 Franken gehandelt. Hier kann man schön sehen, was Einschätzungen von Journalisten auf dem Markt auslösen können.
Xecutives.net: Auch in der Schweiz wird seit 1999 Whisky hergestellt. Warum durfte man das vorher nicht tun und was erkennen Sie, wenn Sie die Schweizer Whisky-Landschaft beobachten?
Claudio Bernasconi: Es gab ein Gesetz aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Schweiz wollte damals, dass man aus Gerste, Rogge und Weizen Brot macht und nicht Alkohol. Es wurde somit verboten, aus diesen Getreiden Alkohol herzustellen. Erst im Juni 1999 fiel diese Hürde. Man hatte dann auch die Steuern auf Spirituosen wie Whisky und Cognac aus dem Ausland angehoben und zwar auf ein Zweifaches von dem, was man für Spirituosen aus der Schweiz bezahlen musste, purer Protektionismus. Spirituosen wie Zwetschgen und Pflümli profitierten von dieser Preisdifferenz. Heute zahlen wir 29 Franken Steuern pro Liter Alkohol. Das gilt heute für den Pflümli als auch für den Whisky. Das hatte zur Folge, dass nach den protektionistischen Massnahmen der Markt für diese Schweizer Spirituosen zusammenbrach. Der Konsument fragt sich nun, ob er einen 12 Jahre alten Whisky kaufen soll oder zum gleichen Preis einen Schnaps, von dem er möglicherweise auch noch Kopfweh bekommt. Es gibt einige wenige Produzenten von Schnäpsen in der Schweiz, die sich sehr spezialisiert haben und sehr gute Produkte herstellen.
In der Schweiz dürfte es bereits über 30 Personen und Unternehmen geben, die Whisky herstellen. Ich hatte in St. Moritz einen Bubentraum und wollte dort eine Whisky-Destillerie eröffnen. Ich hatte bereits mit dem Architekten ein Projekt ausgearbeitet, als es um die Finanzierung des Projektes ging. Wir kamen dann insgesamt auf ein Investitionsvolumen von 8 Millionen Franken. Ich hätte von meinem Freundes- und Kollegenkreis drei Millionen Franken gehabt, aber fünf Millionen fehlten. Für diese fünf Millionen fand ich keinen Investor, auch die Banken wollten nicht einsteigen. Wir hätten die Whisky-Fässer kaufen müssen, die Trockengerste und es wären viel Personalkosten dazugekommen. Und erst nach 10 Jahren kommt man zu Geld! So lange dauert es, bis ein guter Whisky abgefüllt und verkauft werden kann. Das Gesetz sieht vor, dass in Schottland ein Whisky mindestens drei Jahre im Fass sein muss und in den USA mindestens zwei Jahre. Ein Jahr später jedoch fand ich einen Lohnbrenner aus Zug. Er hatte die Brenneinheiten auf Lastwagen und er kam zu mir nach St. Moritz. Wir haben dann jedes Jahr rund 2000 Liter Whisky gemacht. Heute machen wir noch alle zwei Jahre einen St. Moritzer-Whisky. Von diesem St. Moritzer-Whisky haben wir zurzeit noch rund 20 Fässer.
Grundsätzlich gilt es in Bezug auf die Qualität zu bemerken, dass viele, die eigentlich Schnäpse produzieren, dann auch noch Whisky herstellen. Der Whisky ist dann oft ein Nischenprodukt neben anderen Produkten, die man schon immer hergestellt hat. Vielfach schmecken diese Whiskys dann auch nach Obst. Es gibt aber Produzenten in der Schweiz, auch in Deutschland, die perfekten und schönen Whisky herstellen. Oft besteht das Problem auch darin, dass der Whisky zu jung abgefüllt wird, damit er schon früh verkauft werden kann. In der Schweiz kostet das Herstellen einer Flasche Whisky irgendwo zwischen 13 und 15 Franken, wogegen diese Kosten in Schottland rund zwei oder drei Franken betragen. Diejenigen Produzenten, die 12 bis 15 Jahre warten können, können aber Whisky produzieren, der dem schottischen Whisky ebenbürtig ist.

Xecutives.net: Guter Whisky wird heute sehr teuer gehandelt. Man findet Flaschen, die 20’000 oder 30’000 Franken und viel mehr kosten können. Während die Preise für guten Wein, bspw. auch für Bordeaux, zurzeit eher nach unten zeigen, scheint Whisky das Preis-Level halten zu können. Wie schätzen Sie diese Lage ein?
Claudio Bernasconi: Vor rund 20 Jahren wurde mir Macallan zum Kauf angeboten. Es ging um Flaschen mit Jahrgang 1926. Eine Flasche hätte schon damals 35’000 Franken gekostet. Ich fand das etwas viel und wollte mir sowieso ein neues Auto leisten, so sah ich vom Kauf der Flaschen ab. Vor kurzem ist dieser Whisky für rund 1,5 Millionen Franken verkauft worden. Es hätte sich also gelohnt, einige Flaschen einzukaufen. Aber wie das mit vielen Dingen ist auf der Welt, man weiss es erst im Nachhinein.
Vor ein paar Jahren war ich bei Glenlivet für ein Gala-Dinner eingeladen. Glenlivet brachte einen 50-jährigen Whisky raus und wir durften diesen probieren. Irgendwann kam ein Amerikaner zu uns an den Tisch. Er präsentierte sich als Journalist der New York Times und anderer bekannter amerikanischer Medien. Er erzählte uns von seinen Tätigkeiten und stellte uns eine Investment-Liste vor, die sehr interessant war. Auf der Liste war zu sehen, was sich in den letzten zehn Jahren als gute Kapitalanlage herausstellte. Briefmarken bspw. wurden offenbar, gemäss seiner Statistik, 110% teurer. Für gewisse Autos berechnete er 180%. Interessant war dann der Posten Whisky. Er berechnete einen Wertzuwachs von sage und schreibe 580%. Das geht darauf zurück, dass Spekulanten die Preise in die Höhe trieben. Viele Sammler, Whiskyliebhaber, aber eben auch Spekulanten hatten Geld in Whiskyfässer investiert. Die Nachfrage für Whisky stieg somit rapide an, damit auch die Preise. Heute stellen wir fest, dass die Chinesen seit rund 2 bis 3 Jahren nichts mehr kaufen. Die Whisky-Ware, die hätte nach China geliefert werden sollen, kommt nun nach Europa, was zu Preisreduktionen führen wird, die wir bereits spüren. Man erkennt das auch bei Auktionen. Die Whisky Preise sind je nach Produkt um 10% bis 50% gefallen.
Vor rund 25 Jahren war ich in London im Harrods-Kaufhaus. Ich fand dort einen Macallan, eine schöne Flasche aus dem Jahr 1961. Die Flasche kostete 29,99 Pfund. Ich kaufte gleich zwei dieser Flaschen. Ich machte zuhause in der Schweiz eine Flasche auf und ich war begeistert von der Qualität. In der Zwischenzeit stieg der Preis für die Falsche auf 100 Franken. Ich fragte in der Folge einen guten Bekannten, der immer wieder nach London reiste, er solle mir weitere dieser Flaschen mitbringen, was er auch tat. Am Schluss hatte ich 12 dieser Flaschen in meiner Sammlung. In den folgenden Jahren stieg der Preis für eine Flasche von 29,99 Pfund auf 9’999 Pfund. Da ich ein neues Auto kaufen musste, fragte ich einen Kollegen und Whisky-Liebhaber in Frankreich, ob er 10 Flaschen haben wollte. Er war sehr interessiert, teilte mir aber mit, dass er nicht den Auktionspreis zahlen konnte. Schliesslich einigten wir uns auf rund 6500 Franken pro Flasche. Damit war mein Auto bezahlt.
Diese Zeiten sind aber vorbei. Mittlerweile kostet die Flasche des besagten Macllan wieder 2500 Pfund. Solche Preisschwankungen gab es bisher noch nicht in der Whisky-Industrie.
Xecutives.net: Vor einigen Jahren war in der Zeitung zu lesen, dass Sie einem chinesischen Kunden einen gefälschten und sehr teuren Whisky verkauft hatten. Sie sind selber einer Fälschung auferlegen und haben den chinesischen Kunden anstandslos entschädigt. Auf was muss man achten, wenn man teuren Whisky kauft? Und was sind die Lehren, die Sie möglicherweise selber aus der Sache gezogen haben?
Claudio Bernasconi: Ich war auf einer Reise in Italien und fand dort einen Macallan Jahrgang 1878. Die Flasche war sehr schön erhalten mit einer schönen Etikette. Ich kaufte sie für ein paar Tausend Franken und nahm sie mit nach Hause. Ich setzte diesen Whisky dann auch auf meine Whisky-Karte im Devil’s Place in St. Moritz. Das Glas kostete 9’999 Franken, also für 2 cl. Niemand wollte diesen Whisky haben. Die Flasche ging dann später an meinen Sohn, der das Hotel übernahm und heute immer noch führt. Einige Zeit später rief mich mein Sohn an und meinte, da sei ein chinesischer Whisky-Liebhaber, der einen Schluck dieses Whiskys probieren möchte, ob er die Flasche aufmachen solle oder nicht. Ich sagte ihm, dass er die Flasche gerne aufmachen könne. Der chinesische Kunde bekam seinen Whisky und er war von der Qualität begeistert. Die ganze Angelegenheit wurde dann von den Medien aufgenommen. 20 Minuten und andere Medien berichteten über diesen chinesischen Kunden und über die teure Flasche. Die Kritiken waren sehr vielfältig. Man war der Meinung, dass das degeneriert und dekadent sei, für so viel Geld Whisky zu trinken. Es kam dann der Gedanke auf, dass dieser Whisky eine Fälschung sein könnte.

Ich telefonierte in der Folge viele Male mit Schottland und suchte nach Hinweisen und Informationen zu dieser speziellen Flasche. Ein Vertreter von Macallan kam dann nach St. Moritz und hat ein Tasting Sample mitgenommen. Man kann die Echtheit eines Whiskys u.a. mit chemischen Untersuchungen herausfinden. Seit es die Atombombe gibt und seit Atombomben eingesetzt wurden, finden sich in unserer Atmosphäre immer noch Atome und Partikel dieser Bombe, die sich überall niederschlagen, eben auch im Whisky. Auch finden sich bspw. Partikel von Tschernobyl. Mit Hilfe dieser Tests fand man dann raus, dass der Whisky aus dem Jahr 1970 stammen dürfte und nicht von 1878 stammen kann. Der Whisky war zwar ausgezeichnet, aber es handelte sich um eine Fälschung. Es gibt weitere Punkte, die wir feststellen konnten. Damals im späten 19. Jahrhundert, konnte man die Flaschen noch nicht mit einem Mal zuschweissen. Es bedurfte drei Schweissvorgänge und damit braucht es auf der Flasche auch drei Schweisspunkte. Diese Punkte hatten bei meiner Flasche gefehlt. Es gab weitere Hinweise und ich habe aufgrund dieser ganzen Angelegenheit sehr viel gelernt.
In der Folge rief mein Sohn den chinesischen Kunden an. Es handelte sich um einen bekannten Journalisten und er erklärte ihm die Situation. Er teilte dem Kunden mit, dass er nach Schanghai fliegen werde, um ihm das Geld zurückzuerstatten, das er für den Whisky bezahlt hatte. Gesagt, getan, er gab ihm in Shanghai das Geld zurück, worauf der chinesische Journalist sagte, dass der Whisky doch ganz ausgezeichnet gewesen sei und warum er ihm das Geld zurückbezahlen wolle. Mein Sohn sagte dann, dass es sich um eine Fälschung handelte, worauf der chinesische Whisky-Liebhaber meinte, dass die Chinesen alles fälschen würden auf der Welt und dass es niemandem in China in den Sinn kommen würde, Geld zurückzubezahlen (lacht).
Xecutives.net: Das ist eine äusserst interessante und lustige Anekdote, die Sie hier erzählen. Wir wissen ja aus dem Geschäftsleben, dass solche Krisen oft in guten Freundschaften resultieren können. Kam der chinesische Whisky-Liebhaber wieder ins Waldhaus in St. Moritz?
Claudio Bernasconi: Ja, aufgrund des Whiskys gibt es immer wieder gute Freundschaften und auch schöne Projekte. Ich weiss, dass der chinesische Kunde wieder nach St. Moritz kommen möchte, bisher ist das aber noch nicht geschehen.
Heute ist sehr bekannt, dass es eine Mafia gibt in Italien, die sich auf die Fälschung von Flaschen spezialisiert hat. Übrigens ist Macallan selber auch Opfer von Betrügereien geworden. Das Unternehmen hat ebenfalls Flaschen in Italien gekauft, die sich später als Fälschungen herausgestellt hatten.
Xecutives.net: Ich war selber auch schon im Devil’s Place und habe die vielen Flaschen und die Ambiance bei einer guten Zigarre genossen. Wer sind die Menschen, die aus der ganzen Welt zu Ihnen reisen und sich friedlich dem Whisky-Genuss widmen?
Claudio Bernasconi: Es kommen Menschen aus der ganzen Welt ins Waldhaus und ins Devil’s Place. Eine Persönlichkeit, die viele Menschen kennen, ist Prinz Albert von Monaco. Er hat selber einen Whisky Club in Monaco und er ist oft im Waldhaus oder kauft Flaschen bei uns. Es gibt viele Kunden aus China, aus Japan aber bspw. auch aus der Türkei und Israel, die zu uns kommen. Wie haben natürlich auch viele Kunden aus der Schweiz und aus Deutschland.
Xecutives.net: Prinz Albert kauft auch bei Bernard Antony in Vieux Ferrette (F) Käse. Er scheint die guten Orte alle zu kennen. Kommen die Whisky-Liebhaber ins Waldhaus, weil sie einen speziellen Whisky probieren möchten, den Sie im Sortiment haben, oder wollen sie sich einfach überraschen lassen und die schöne Atmosphäre in der Bar geniessen?
Claudio Bernasconi: Bernard Antony war auch schon im Waldhaus und hat dort bei einem Whisky Tasting in Kombination seine exquisiten Käse präsentiert. Tatsächlich kommen viele der Besucher, weil sie einen speziellen Whisky probieren wollen, aber nicht selber eine sehr teure Flasche kaufen möchten. Sie können dann im Waldhaus diesen Whisky probieren und sich dann immer noch entscheiden, eine Flasche zu kaufen. Viele Kunden kommen und stöbern in der Karte und sie lassen sich dann spontan auf einen Whisky ihrer Wahl ein. Wir importieren sehr viel Whisky aus Schottland, die für die Schweiz abgefüllt werden. Viele Whisky-Liebhaber interessieren sich für diese Neuheiten. Bisher haben wir rund 300 Fässer aus Schottland importiert, die sich grosser Beliebtheit erfreuen.
Xecutives.net: Gibt es ein Merkmal, das die vielen Whisky-Liebhaber miteinander teilen? Gemäss dem Whisky-Liebhaber und Sammler Martin Degen ist es der Genuss, sich einer schönen Sache mit einer gewissen Langsamkeit hinzugeben.

Claudio Bernasconi: Es geht darum, sich etwas Schönem hinzugeben und zu philosophieren, da schliesse ich mich Martin absolut an. Der Whisky ist geeignet, sich auf Menschen einzulassen und zu diskutieren. Der Whisky war immer auch Auslöser für interessante Projekte und gute Freundschaften. Mit einem ehemaligen Arzt aus Samedan liess ich mich vor vielen Jahren schon auf ein interessantes Projekt ein. Ich schätzte diesen Arzt extrem, weil er während seiner aktiven Zeit im Graubünden immer sehr engagiert war. Er nahm 24 Stunden am Tag das Telefon ab. Eines Tages hatten wir einen Kunden mit einem Herzinfarkt bei uns im Hotel. Wenige Minuten später war der Arzt schon bei uns und konnte der Person helfen. Wir tranken in der Folge zusammen Whisky und philosophierten über Gott und die Welt. Der Arzt arbeitete auch für Ärzte ohne Grenzen und für die WHO und war lange Zeit in Afrika tätig. Er kaufte sich auf São Tomé und Príncipe, einer Insel auf dem Äquator westlich von Afrika, ein Haus und war dort auch als Arzt für viele arme Menschen tätig. Dort hat er nebst vielem Hunderte von Augenoperationen durchgeführt und den Menschen geholfen, wieder sehen zu können. Er beschrieb mir beim Whiskytrinken die Insel und die ärmlichen Verhältnisse unter denen die Menschen dort lebten. Das Gespräch resultierte später in einem wunderbaren Projekt. Wir beschlossen, gemeinsam etwas zu unternehmen, um vor Ort helfen zu können. Wir wollten aber nicht einfach nur Geld spenden, was nicht viel genützt hätte, sondern nachhaltige Hilfe organisieren. Wir waren uns einig, dass die Ausbildung der Menschen vor Ort von grösster Wichtigkeit ist und beschlossen, Schulen zu unterstützen und zu gründen. In Sachen Finanzierung schlug ich vor, dass wir die Gäste im Waldhaus, die alle privilegiert sind, an einem so schönen Ort sein zu können, jeweils um 1 Franken (pro Nacht pro Person) bitten. 90% der Schweizer Kunden finden die Idee gut und nach einem zweiwöchigen Aufenthalt bei uns zahlen sie gerne 14 Franken für dieses Projekt. Deutsche Kunden sind eher zurückhaltend. Insgesamt jedoch wurde die ganze Aktion zu einem riesigen Erfolg. Pro Jahr konnten wir somit in der Vergangenheit zwischen 40’000 und 60’000 Franken an Spendengeldern entgegennehmen, die voll und ganz in schulische Projekte auf São Tomé und Príncipe eingesetzt werden. Bisher konnten wir 10 Schulhäuser und 4 Kindergärten bauen. Die Gebäude sind alle angeschrieben mit «Fondation Waldhaus». Ich habe diese Geschichte erwähnt, weil sie typisch ist, für Whisky-Liebhaber. Der Whisky-Genuss führt zu guten Gesprächen und zu guten Ideen.
Hätte ich damals eine Wodka-Bar eröffnet, hätte ich wohl alle paar Tage eine Schlägerei im Hotel gehabt. Das ist beim Whisky undenkbar. In 33 Jahren in denen ich die grösste Whisky-Bar der Welt geführt habe, gab es nicht einmal eine Schlägerei oder irgendwelche Grobheiten, übrigens auch keine Betrunkenen. Der Whisky-Liebhaber will sich nicht betrinken, sondern etwas Schönes geniessen.
Xecutives.net: Ich habe das Whisky-Trinken als Jazz-Pianist mit Jazz-Musik verbunden, dort gibt es auch keine Schlägereien. Jazz verlangt vom Zuhörer zudem einiges ab. Jazz ist nicht unbedingt die Musik, die man so vor sich her hinplätschern lassen kann. Die Musik ist voller Überraschungen, hält sich nicht immer an Regeln und es geht um Improvisation. Kann man das auch für den Whisky sagen?
Claudio Bernasconi: Jazz und Blues eignen sich tatsächlich sehr gut zum Whisky. Grad in New Orleans und anderen Städten in den USA, die sich dem Jazz und dem Blues verschrieben haben, wird sehr oft «Whiskey» getrunken. Auch Zigarren eignen sich ganz ausgezeichnet. Jazz ist eine Musik, die Menschen zusammenbringt und die Menschen zu Gesprächen verleitet. Darum ist der Vergleich absolut berechtigt. Ich habe selber eine grosse Vinil-Plattensammlung, die rund 25’000 Platten umfasst sowie rund 25’000 CDs. Sie beinhaltet Soul, Blues, aber auch Jazz und Blues. Whisky, Wein und Musik sind Dinge, die zu hoher Lebensqualität führen können.
Xecutives.net: Jimmy Carter, Barack Obama und Bill Clinton sind und waren Jazz-Fans. Das hat man hin und wieder auch bei politischen und wirtschaftlichen Entscheiden erkennen können. Es geht um das Improvisationselement, um das Fördern des Verbindenden. Donald Trump tut das nicht. Er trinkt auch keinen Alkohol. Vielleicht wäre aber die Welt mit etwas mehr Jazz und Whisky eine bessere. Welchen Whisky würden Sie ihm empfehlen?
Claudio Bernasconi: Ich weiss gar nicht, ob ich ihm einen Whisky anbieten möchte (lacht). Whisky macht fröhlich und Whisky-Menschen sind sehr loyal. Sie setzen sich auch für andere Menschen ein. Herrn Tump würde es sehr guttun, einen Whisky zu trinken.
Xecutives.net: Und seiner Frau Melania? Whisky ist ja auch bei Frauen ein Thema.
Claudio Bernasconi: Melania würde ich einen 21-jährigen Red Breast ausschenken aus Irland. Das ist ein genialer Whisky, den viele Frauen sehr gut mögen. Er schmeckt nach exotischen Früchten und vor allem nach Mango. Weil die Iren den Whisky drei Mal destillieren, sind diese Whiskys sehr viel fruchtiger und aromatischer als die schottischen. Die Schotten destillieren nur zwei Mal. Diese Whiskys sind dann eher gehaltvoll und schwer. Ich habe noch nie eine Frau getroffen, die sagen würde, dass das ein schrecklicher Whisky wäre. Vor rund 30 Jahren war der Anteil der Frauen an den Whisky-Trinkern im Übrigen etwa 30%. In den letzten Jahren ist der Anteil wohl auf unter 20% gefallen.
Xecutives.net: Herr Bernasconi, die Schweiz steht zurzeit vor grossen Herausforderungen, auch andere Länder. Grosse Mächte scheinen sich durchsetzen zu wollen, koste es was es wolle. Ein bisschen steht die Welt grad vor einem grossen Stresstest. Was wünschen Sie den Whisky-Liebhabern auf der Welt und der Schweiz?
Claudio Bernasconi: Ich hatte in meinem Büro ein Zitat an der Wand von Einstein. Er meinte, man müsse die Welt nicht verstehen, sondern sich nur darin zurechtfinden. Wir können uns stundenlang über Trump, über Putin und weitere Personen unterhalten, wir werden diese Menschen wohl eher nicht verstehen. Eine weitere Weisheit, die ich gut finde besagt, man solle First-Class leben, sonst tun es später die Erben. Ich finde, dass wir uns dem Schönen hingeben sollen, dazu gehört eben auch der Genuss von Whisky.
Ich selber hatte die schönste Zeit seit Menschengedenken. Es gab 70 Jahre lang kaum einen Krieg und die Wirtschaft hat floriert. Als ich jung war, gab es einmal Fleisch pro Woche. Mehr konnte man sich nicht leisten. Heute haben wir, wenn wir das wollen, jeden Tag Fleisch und Fisch auf dem Teller und können uns das leisten. Zurzeit ist etwas der Wurm drin. Wir sollten unser Leben aber nicht nur den negativen Dingen auf der Welt widmen, sondern hin und wieder auch das Leben geniessen können. Dazu gehört, hin und wieder einen Whisky zu trinken, gute Musik zu hören und sich an einem guten Essen zu erfreuen.
Xecutives.net: Herr Bernasconi, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch und Interview und ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude beim Genuss, beim Sammeln und Handeln von Whisky!
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